Pferde sind kreativ. Auf der Koppel Spagat machen, beim Toben stürzen, beim Verladen verletzen, koliken, einfach ohne ersichtliche Ursache auf drei Beinen stehen – für uns Reiter heißt das in solchen Fällen: Krankheit oder Verletzung behandeln lassen, anschließende Ruhepause, langsam auftrainieren.
In dieser Ruhepause, der Rehabilitation – also dem Wiederherstellen der physischen Fähigkeiten des Tiers –, liegt dabei großes Potenzial, weiß Physiotherapeutin Katrin Obst. "Früher stellte man Pferde nach einer OP für sechs Wochen weg in die Box. Dabei ist es immens wichtig, nach der Behandlung so schnell wie möglich in eine Mobilisation zu kommen.”
Mobilisieren meint: einerseits den Stoffwechsel anregen. Das wirkt sich positiv auf die Durchblutung und damit auf die Heilung aus, denn: "Man kann sich eine Verletzung oder Krankheit im Körper wie eine Baustelle vorstellen. Das Blut transportiert den Bauschutt weg und das neue Baumaterial hin.”
Gleichzeitig verhindert das Mobilisieren, dass Folgeprobleme entstehen. Bei Boxenruhe etwa nach einer OP kann es zu angelaufenen Beinen kommen, zu Darmproblemen, weil die Darmperistaltik – die wellenförmige Bewegung der Darmmuskulatur – durch die mangelnde Bewegung eingeschränkt sein kann, oder zu gestauter Lymphe, die durch Narben hervorgerufen wird.
Übungen und Handgriffe für die Regeneration
Um die Regeneration optimal zu unterstützen, könnt ihr selbst Hand anlegen – und effiziente Übungen in den Alltag einbauen. (Eignen sich übrigens auch super für den normalen, verletzungsfreien Stall-Alltag und gesunde Pferde!) Wie ihr Griffe und Co. korrekt umsetzt, zeigt euch Reha-Expertin Katrin Obst in unserer neuen Serie.

Katrin Obst ist Physiotherapeutin mit Zusatzqualifikation in Osteopathie. Sie bildet Pferdemenschen auch in einem mehrtägigen Seminar zu Reha-Trainern aus. Infos unter www.katrinobst.de
Schwerpunkt Teil 1: Hilfe bei Boxenruhe
Beschäftigung fürs Pferd
Tagein, tagaus auf denselben paar Quadratmetern stehen – Boxenruhe ist ganz schön frustrierend. Wer sein Pferd clever beschäftigt, lenkt es ab und fördert gleichzeitig die Psyche – etwa, indem der Vierbeiner sich Futter in Schnüffelmatten erarbeitet, in wackeligen Eimern erwischen muss oder sich Leckereien wie Äpfel oder Möhren aus einem mit Wasser gefüllten Eimer angelt. Ein separater Wassereimer (ggf. mit etwas Apfelsaft oder Tee) kann die Wasseraufnahme fördern. "Das hilft der Verdauung und der Hautregeneration”, so Katrin Obst. Gegen Langeweile helfen auch frische Äste von Birke, Weide, Buche oder ungespritzten Obstbäumen (2 bis 4 g pro kg LM; bei einem 500-Kilo-Pferd sind das 1,5 kg Holz). Wichtig bei jedem Futter: bei Koliken oder Rehe natürlich nur nach Absprache mit dem Tierarzt.

Wo ist denn das Leckerli auf der Futtersuchmatte?
Bessere Balance & Koordination
Ein kleiner Schritt fürs Pferd, ein großer fürs propriozeptive System: Wer sein Pferd auf ein oder mehrere Balance Boards stellt, aktiviert eine ganze Reihe an Sensoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken. Die funken Informationen über die Körperposition (etwa über die Stellung von Gelenken oder Spannung von Muskeln) ans zentrale Nervensystem. "Eine gut funktionierende Propriozeption ist wichtig für Koordination und Bewegungskontrolle”, sagt Katrin Obst. "Koordination, Trittsicherheit und Balance wiederum sind zentrale Punkte in der Rehabilitation; verbessere ich die während der Boxenruhe, profitiere ich davon, wenn ich wieder reiten kann.”

Das diagonale Beinpaar oder die beiden Vorderbeine auf Balance Pads zu stellen, ist eine gute Übung für Koordination und Bewegungskontrolle.
Balance Boards sind also absolute Basics in der Pferde-Reha. Startet zunächst mit einfachen Übungen: Etwa beide Vorderbeine auf die Pads stellen; beide Hinterbeine drauf; ein diagonales Beinpaar – oder alle Beine. Schwieriger wird es, wenn ihr Balance Boards mit isometrischen Übungen verbindet, mit Möhren-Pilates, wenn ihr ein Bein hochhebt oder mit Boards unterschiedlicher Härtegrade arbeitet.

Das Möhren-Pilates auf Balance Pads gehört zu den etwas schwierigeren Übungen.
Startet mit wenigen Minuten; nach und nach auf bis zu 15 Minuten steigern. Tolles Training für alle Reha-Patienten – bei orthopädischen Erkrankungen einfach die gesunden Beine nutzen.
Mehr als nur Körperpflege: Tägliches Putzen
Putzen ist so viel mehr, als nur den Staub aus dem Fell zu kriegen: Es regt Durchblutung, Stoffwechsel, Hautatmung, Lymphsystem, Kreislauf und Darmperistaltik an – alles Punkte, die bei Boxenruhe herabgesetzt sein können. Gleichzeitig stärkt Putzen die Beziehung zum Pferd, weil Bindungs- und Glückshormone ausgeschüttet werden. Also putzt gleich mal los!

Katrins Liebling: Ein Putzhandschuh mit Noppen. Dieser verbindet das Putzen mit einer angenehmen Massage fürs Pferd.
Du willst mehr darüber erfahren, wie du dein Pferd effektiv während der Boxenruhe unterstützen kannst? Hier kannst du alle Tipps und Übungen von Katrin Obst nachlesen:





