Diese Physio-Griffe sollten Sie vermeiden

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Foto: Foto: Schmid; Illustrationen: Schuschkleb CAVALLO Handfeste No-Gos

Reißen am Hinterbein

Im Normalfall tritt das Hinterbein eines Pferds unter den Körperschwerpunkt und nicht nach einem Physiotherapeuten. Genau das wäre aber eigentlich die richtige Reaktion auf unprofessionelles Hebeln und Ziehen am Hinterbein. Sie sollten genau hinschauen, wenn mit viel Wumms das HInterbein in die falsche Richtung gerissen wird.

Je größer der Hebel, desto gefährlicher. Tierärztin und Veterinär-Chiropraktikerin Dr. Imke Querengässer: „Bei solchen Hauruck-Bewegungen mit langer Hebelwirkung können alle Gelenke des Hinterbeins einschließlich des Kreuzdarmbeingelenks in Mitleidenschaft gezogen werden.“ Auch ganz andere Bereiche wie das Kniegelenk oder der innere Oberschenkel sind von solchen Aktionen betroffen. Böse Überraschungen sind dann Anrisse am Kreuzband oder Muskelfaserrisse. Leidet das Pferd bereits an einer Spat-Erkrankung im Sprunggelenk, wird es für das Tier sogar richtig schmerzhaft.

Bei falsch eingesetzten Hebeln drücken Pferde den Rücken weg. Auch die Leiterin des Deutschen Instituts für Pferde-Osteophatie, Beatrix Schulte Wien, warnt: „Das ist wie den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Das Problem beim Hinterbein: Ein zu weit hinausgezogenes Bein wirkt quasi wie ein langer Hebel. Falsch eingesetzt führt er dazu, dass Pferde den Rücken wegdrücken.“ Die Behandlungskunst besteht darin, einen kurzen Hebel unmittelbar am blockierten Gelenk anzuwenden.

Hochziehen geht nach hinten los

Das mag vielleicht spektakulär aussehen: Hauruck-Methoden am Vorderbein sind allerdings ganz im Gegenteil ein Zeichen mangelnder Professionalität. Auf keinen Fall sollte das Vorderbein zu weit nach vorne und zu hoch angehoben werden.

Den Rücken aufwölben statt wegdrücken. „Der Negativeffekt eines zu hohen Beins: Die Pferde gehen ins Hohlkreuz und drücken so den Rücken weg. Viel effektiver ist es, das Bein dafür angewinkelt nach hinten zu bewegen. So kann sich der Hals dehnen und der Rücken wölbt sich auf“, erklärt Beatrix Schulte Wien. Professionelle Therapeuten und Osteopathen wölben Brustwirbel auf, indem sie diesen Bereich mit einem Holzstäbchen und sanftem Druck am Pferdebauch aktivieren. Negativeffekt bei der Arbeit mit langen Hebeln: Es besteht die Gefahr, dass hierbei das Schultergelenk überstreckt wird.

Im schlimmsten Fall knallt der Huf auf den Boden. Nämlich dann, wenn sich das Pferd mit einer Abwehrbewegung nach hinten entzieht. Dr. Imke Querengässer weist auf mögliche gesundheitliche Folgen hin: „Es kann zu Überdehnungen kommen. Der Bereich der Beugesehne und des Fesselträgers ist sehr empfindlich.“

Kopf hochreißen

Nicht nur bei Vorder- und Hinterbeinen gibt es abenteuerliche und vor allem nicht ungefährliche Griffe. Auch bei Behandlungen im Bereich der Halswirbel und des Kopfs wissen gute Physiotherapeuten, worauf sie achten müssen. Dabei ist die Abstellung eines zu hoch erhobenen Kopfs genauso kontraproduktiv wie ein weggedrückter Rücken und eine zu hohe Kopfhaltung (siehe roter Pfeil).

Wichtig: Der Kopf sollte nie höher kommen als das Schultergelenk. „Die Halswirbelsäule läuft in einem großen Bogen von oben nach unten. Die seitlichen Gelenke des Halswirbels liegen dabei dachziegelartig übereinander“, erklärt Pferde-Osteopathin Beatrix Schulte Wien. Das heißt: Wenn Halswirbel manipuliert werden sollen, müssen Kopf und die zu mobilisierenden Wirbel möglichst in einer horizontalen Linie sein. Das geht nur mit tiefer Kopfhaltung. Wird der Kopf zu hoch getragen, gibt es möglicherweise Überstreckungen.

Die Wirbel der Halswirbelsäule sind gut zu ertasten. Wenn Sie diese Wirbel einmal selbst erfühlen möchten, tasten Sie einfach oberhalb der Drosselrinne. Das ist eine Muskelfurche im unteren Halsbereich. Hier sind die einzelnen Wirbel gut spürbar.

Kopf seitwärts rucken

Mobilisationen an den oberen Halswirbeln im Genickbereich gehören nur in die Hände von erfahrenen Profis. Zieht ein vermeintlicher Physiotherapeut den Kopf Ihres Pferds ruckartig nach links oder rechts (siehe roter Pfeil), dann sollten Sie die Behandlung sofort abbrechen. „Wenn der Kopf heftig zur Seite gerissen wird, landet die Bewegung möglicherweise an der falschen Stelle der Halswirbelsäule“, warnt Beatrix Schulte Wien.

Bei falschen Griffen droht Lebensgefahr. „Vorsicht bei Manipulationen und manuellen Griffen an der Halswirbelsäule. Zeigt ein Pferd Schmerzen nach oder während der Behandlung, können Fissuren, also Haarrisse, oder sogar ein angebrochener Wirbel die Ursache sein“, darauf weist Imke Querengässer hin. Falls solche Frakturen nicht rechtzeitig erkannt werden, kommt es im schlimmsten Fall zu gefährlichen Blutungen im Bereich des Rückenmarkkanals. Falsche Handgriffe in diesem Bereich können also dramatische und sogar lebensbedrohliche Folgen haben. Durch die Halswirbelsäule und den Hinterkopf läuft außerdem eine dicke Arterie. Bei zu kraftvollem Ruckeln besteht die Gefahr, dass sie reißt. Anzeichen für innere Blutungen sind Schläfrigkeit und ein apathischer Gesichtsausdruck. Damit es nicht zum Worst Case kommt, greifen Sie rechtzeitig ein, wenn Sie ein ungutes Gefühl während der Behandlung haben.

Stäbchen in den Bauch rammen

Auch beim Einsatz von vermeintlich harmlosen Holzstäbchen kann einiges schieflaufen. Richtig eingesetzt, helfen sie, blockierte Wirbel zu lösen oder mit einem sanften Impuls unter dem Bauch den Rücken aufzuwölben.

Show-Effekte erkennen: Zückt ein vermeintlicher Physiotherapeut gleich mal beherzt den Autoschlüssel und zieht ihn Ihrem Pferd übers Fell, sieht das möglicherweise spektakulär aus – ist aber einfach nur unprofessionell.

Ein guter Physiotherapeut passt den Druck an. Handelt es sich bei dem Patienten um einen runden Haflinger mit Winterfell, ist also ruhig etwas mehr Druck erlaubt als bei einem athletischen Vollblut. „Ich habe Pferde erlebt, die weichen schon zur Seite, wenn jemand nur mit einem Stäbchen um die Ecke kommt“, ist die Erfahrung von Beatrix Schulte Wien. Egal ob Holzstäbchen unterm Bauch eingesetzt werden: Ein guter Physiotherapeut setzt auf Feintuning und Fachwissen, nicht auf billige Effekthascherei.

Stäbchen in den Rücken bohren

Ein guter Physiotherapeut passt den Druck an. Handelt es sich bei dem Patienten um einen runden Haflinger mit Winterfell, ist also ruhig etwas mehr Druck erlaubt als bei einem athletischen Vollblut. „Ich habe Pferde erlebt, die weichen schon zur Seite, wenn jemand nur mit einem Stäbchen um die Ecke kommt“, ist die Erfahrung von Beatrix Schulte Wien. Egal ob Holzstäbchen an der Kruppe eingesetzt werden: Ein guter Physiotherapeut setzt auf Feintuning und Fachwissen, nicht auf billige Effekthascherei.

Nichts knacken lassen

Mal Hand aufs Herz: Wer hatte bei seiner eigenen Behandlung nach einem befreienden knackenden Geräusch nicht das Gefühl, alles gehe ab sofort schon wieder viel leichter. Auch hier sitzen wir nur allzu gerne einfachen Erklärungen auf. Ein Knacks ist nämlich kein Anzeichen für eine effektive Behandlung.

Warum knackt es überhaupt? Was das Geräusch tatsächlich auslöst, ist nicht sicher geklärt. „Möglicherweise löst sich ein Vakuum zwischen zwei Gelenkflächen und macht ein Geräusch wie ein Saugnapf. Oder der Gelenkspalt füllt sich schnell mit Gas aus der Gelenkflüssigkeit“, sagt Imke Querengässer. Eine weitere Erklärung: Das Knacken wird von Bändern oder Sehnen verursacht, die über einen Gelenkvorsprung gleiten. Es kann also während einer Behandlung ruhig mal einen Knacks geben. Das ist nicht schlimm – aber eben auch kein Zeichen für professionelles Handanlegen.

Physio-Griffe - aber richtig Weitere Tipps, woran Sie einen guten Physiotherapeuten erkennen, finden Sie auch in CAVALLO 12/2016. Beispiele für entspannende Wellness-Griffe in CAVALLO 01/2017. Das Deutsche Institut für Pferde-Osteopathie (DIPO) bietet ab Juni neue Weiterbildungskurse an. Interessant ist das Angebot auch für Laien, die keinen Abschluss anstreben. Neben Dülmen (NRW) und Bopfingen (Ba-Wü) finden in diesem Jahr auch Kurse in Lüneburg (Niedersachsen) statt. Anmeldung und Infos unter: www.osteopathiezentrum.de/lehrveranstaltungen/
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