Früher gab es ein paar Bücher von Pferdeflüsterern, nach denen man sich im Horsemanship üben konnte. 30 Jahre später überschwemmt das Netz die Szene mit immer neuen Inspirationen. Seit Monty Roberts und Co. hat sich die Horsemanship-Welt stark gewandelt. Wissenschaftliche Erkenntnisse, Influencer mit großer Reichweite und TV-Formate prägen das Verständnis von Pferden. Sind die alten Methoden noch zeitgemäß, wie lernt die neue Generation – und was hat sich in der Szene entwickelt? Unser Fragenkatalog gibt spannende Einblicke. Zum 30-jährigen Jubiläum von CAVALLO blicken wir darauf, was im Horsemanship noch immer gilt – und was an Wissen dazugekommen ist.

Dr. Vivian Gabor ist Biologin und promovierte Pferdewissenschaftlerin. Ihr Spezialgebiet ist das Lernverhalten von Pferden. www.ivk-center.de

Josef Kmoch ist aktiver Springreiter und bildet Berittpferde auf der von ihm gepachteten Anlage in Lichtenau bei Chemnitz liebevoll aus. Seinen Ausbildungsweg zeigt er auf Shows und Lehrveranstaltungen sowie in seiner Online-Academy. Mehr Infos: www.josefkmoch.de

Yvet Blokesch ist als Influencerin für "Featherlight Horsemanship" bekannt. Sie betreibt auch eine Online-Academy mit Lerninhalten. Mehr Infos unter featherlightacademy.com

Yvonne Gutsche züchtet Quarter Horses und bildet Pferde reitweisenübergreifend aus. Sie hat ein Händchen für besonders schwierige oder traumatisierte Tiere. www.yvonne-gutsche.de
Was ist der Kern deines Horsemanships und hat sich das verändert?
"Pferde-Persönlichkeit berücksichtigen statt starre Führungsmodelle fahren”
Ich sehe Horsemanship als entwicklungsfähig. Zeitgemäß ist für mich die Betonung von Klarheit, feiner Körpersprache, Struktur und Timing. Veraltet erscheint mir ein ideologisch geprägtes Dominanz- und Rangordnungsdenken. Moderne Führung bedeutet, Orientierung zu geben, Sicherheit zu vermitteln und Kommunikation möglichst klar und stressarm zu gestalten. Dabei ist mir besonders wichtig, die Individualität der Pferde zu berücksichtigen: Trainingsansätze sollten sich an Temperament, Sensibilität und Vorerfahrungen orientieren. Yvonne Gutsche
"Beziehung auf Basis von Verständnis und Kommunikation”
Horsemanship ist keine Methode, sondern eine innere Haltung: Ich möchte mit dem Pferd in Beziehung sein. Daraus erwächst Verantwortung. Früher habe ich Pferde stärker beeinflusst und mein Signal hinterfragt, wenn etwas nicht klappte. Heute frage ich eher: Was will mir das Pferd sagen? Training verstehe ich zunehmend auch als Selbstreflexion darüber, wie ich nach außen wirke. Dr. Vivian Gabor
"Mentale und körperliche Ebene zusammenführen”
Ich bin von Haus aus Springreiter. Da standen Lektionen und Gehorsam im Vordergrund. Anatomische Grundlagen hat kaum einer vermittelt. Meine Stute hat mich dazu gebracht, mich übergreifender fortzubilden. Ich studierte reitweisenübergreifend Légèrété und Biomechanik. Mein Antrieb: Ich möchte Dinge von Grund auf verstehen, damit ich den Sport auf das Pferd ausrichten kann – und nicht andersherum. Josef Kmoch
"Der eine Weg war nicht mein Weg. Ich vertraue mehr dem eigenen Gefühl”
Als Mädchen habe ich viele DVDs amerikanischer Horsemen geschaut und versucht, ihren Methoden zu folgen. Doch manches passte nicht zu dem, was ich fühlte. Mir wurde klar: Ich mache vieles anders. Es geht nicht darum, Chefin zu sein oder dass ein Pferd etwas für mich leisten muss. Mein Anliegen ist es, dem Pferd zu helfen, sich wohlzufühlen. Yvet Blokesch
Lässt sich Desensibilisieren mit feiner Interaktion vereinbaren?
"Pferde lernen, dass sie bei einem neuen Reiz entspannen können”
Viele verwechseln Desensibilisierung mit Flooding, also dem Überfluten der Sinne mit Reizen. In der Forschung bezeichnet Desensibilisierung einfach eine Form des nicht-assoziativen Lernens: Das Pferd lernt, ob ein Reiz – etwa eine Sprühflasche – relevant ist oder nicht. Ziel ist Habituation, also Gewöhnung, die stets mit Entspannung gekoppelt sein muss. Diese kann ich über die Aktivierung des Parasympathikus fördern, beispielsweise durch eine tiefe Kopf-Hals-Position und geöffneter Ganasche wie beim Dösen. Diese Haltung konditioniere ich, indem ich sie mit einem Signal verknüpfe. Es ist wichtig, Pferde zunächst nur mit einzelnen Reizen zu konfrontieren – einem Geräusch, einer Berührung oder einer Bewegung. Dabei rufe ich die zuvor erlernte entspannte Haltung gezielt ab. Entscheidend ist, unter der Reizschwelle zu bleiben und die Übung zu beenden, bevor das Pferd mit Gegenwehr, Abschottung oder Flucht reagiert. So lernt es, Reizen gelassen zu begegnen und Alternativen zur Flucht zu entwickeln. Dr. Vivian Gabor

Das Pferd genau beobachten, die Mimik lesen und bereits kleine Signale wahrnehmen - das ist Horsemanship.
"Ich bringe Pferden bei, mit ihren Emotionen umzugehen”
Etwas so lange zu wiederholen, bis ein Pferd nicht mehr reagiert, widerspricht meinem Ansatz grundlegend. Mir geht es nicht um Abstumpfung, sondern darum, dass sich Pferde in ihrem Körper sicher und wohl fühlen. Dabei begleite ich sie aktiv. Ich arbeite etwa mit Fahnen und gewöhne Pferde so an neue Umgebungsreize. Das Pferd lernt dabei, gelassen zu bleiben. Dafür beobachte ich es genau und unterstütze es, Weichheit im Körper zu finden. Es geht darum, dem Pferd eine Erfahrung von Sicherheit zu bieten. Dann kann es denken, anstatt instinktiv eine Fluchtreaktion zu zeigen. Yvet Blokesch
Welche Fähigkeiten muss man jenseits von Technik entwickeln? Welche Rolle spielt Persönlichkeit?
"Ehrlichkeit und Empathie sind für mich wichtige Eigenschaften”
Hätte ich eher aufhören sollen – oder war es gut so? Das reflektiere ich bei meinem eigenen Training und auch im Unterricht. Mir ist es wichtig, transparent zu sein. Merke ich bei den Übungen oder danach, dass die Anforderung zu hoch war – dann teile ich das auch meinen Schülern mit und erkläre die Gründe. Aus der gemeinsamen Reflexion lernt man. Dafür muss ich mich in andere hineinversetzen können. Zugleich muss ich gut mit mir selbst verbunden sein. Kommunikation beginnt von innen heraus. Jede Hilfe beginnt mit einer Intention. Josef Kmoch
"Welche Energie ich sende, ist abhängig vom gedanklichen Fokus”
Die innere Haltung und mein Fokus beeinflussen, wie meine Signale beim Pferd ankommen. Das sehe ich immer wieder in der Roundpenarbeit. Zwei Menschen können die gleiche Hilfe geben – und trotzdem kommt sie anders an. Denn die innere Haltung und Fokus beeinflussen, wie und welche Botschaft das Pferd empfängt. Wissenschaftliche Erkenntnisse kann ich neutral vermitteln. Aber stehen sich Mensch und Pferd gegenüber, fließt immer auch das Persönliche mit ein – und das sollte man reflektieren. Dr. Vivian Gabor
Wenn ein Pferd etwas nicht möchte, muss es trotzdem gehorchen?
"Geht es um Sicherheit, setze ich meinen Wunsch konsequent durch”
Wenn ein Pferd ein Signal nicht befolgt, schaue ich sehr genau hin. Kann ein Pferd etwas körperlich oder mental nicht leisten, verbietet sich jede Form von Forderung. Sind die gesundheitlichen Aspekte geklärt, unterscheide ich: Geht es um Sicherheit oder nicht? Alles, was für Menschen oder Pferde gefährlich werden kann, ist nicht verhandelbar. In solchen Situationen erwarte ich Verlässlichkeit. Gleichzeitig wünsche ich mir keinen Kadavergehorsam. Pferde sollen mitdenken – aber auch lernen, dass es im Leben Dinge gibt, die man tun muss. Das gilt für uns Menschen genauso. Und das lässt sich auch mit Achtsamkeit und Respekt vereinen. Yvonne Gutsche
"Vertrauen bilden steht über Gehorsam”
Für das Pferd hat jedes noch so kleine Signal eine Bedeutung. Aber viele Pferde haben gelernt, dass Menschen diese Feinheiten oft übersehen. Die Folge: Das Pferd vertraut nicht darauf, dass es von uns gesehen und gefühlt wird – und beginnt, Signale zu ignorieren. Pferde sind nicht per se ungehorsam. Eher sollte der Mensch sich selbst hinterfragen, wie klar er Botschaften sendet und empfängt. Yvet Blokesch
Welche Rolle spielen Spaß und Selbstwirksamkeit?
"Ein gutes Körpergefühl wirkt sich auch auf die Psyche positiv aus"
Training soll fürs Pferd stattfinden: Ich biete Abwechslung mit Bodenarbeit, Schwimmen, Dressur und Gelände. Und ich stelle alle aufs Podest – was herausfordert. Aber meistern es die Pferde, sind sie mega stolz. Der Fokus liegt darauf, ihnen ein gutes Körpergefühl zu geben. Das wirkt sich auch mental positiv aus. Bei meinem Fohlen beobachte ich ganz viel, was es anbietet. Daraus heraus gestalte ich das Lernen spielerisch. Josef Kmoch

Was willst du mir sagen? Josef Kmoch nimmt sich Zeit, Pferde genau zu studieren und Dinge zu hinterfragen.
"Es geht immer um Empowerment”
Pferde sollen sich ausdrücken dürfen und spielen. Sind Pferde scheu, eher in sich gekehrt, traurig oder gelten als unmotiviert – dann spiele ich viel frei mit ihnen. Bei meinem Mustang habe ich Liberty genutzt, damit die Stute selbstbewusst und stolz wurde. Sie hat das Steigen angeboten – und ich habe es aufgenommen. Yvet Blokesch
Ist das Begrenzen von Raum und Bewegung noch zeitgemäß?
"Die Idee dabei ist es, dem Pferd zu helfen – nicht, es zu dominieren”
Ich nutze Raumarbeit schon sehr lange. Aber dabei habe ich nie die Intention, das Pferd zu dominieren und Chef sein zu wollen. Klar, jeder hat seinen Bereich. Aber letztlich sind wir doch in einer gemeinsamen Bubble – und darin möchte ich mit dem Pferd zusammenarbeiten. Es soll Sicherheit finden und sich darin entwickeln. Zugleich schule ich das Timing und die Klarheit meiner Hilfen. Bei Korrekturpferden begrenze oder fordere ich auch mal kurzfristig den Raum, um sie aus dem Tunneldenken zu holen. Etwa, wenn das Pferd immer wieder flüchtet. Josef Kmoch
"Jeder darf auf seinen Raum achten – das tun Pferde auch in der Herde”
Das Herdensystem hat eine Schutzfunktion, zudem gibt es keine linearen Hierarchien. Verschaffen sich Pferde in der Herde Platz, geht es meistens um das Sichern von Ressourcen wie Futter – und nicht ums Begrenzen an sich. Raum, Weite und Möglichkeit zur Flucht sind wichtige Wohlfühl-Faktoren für Pferde. Im Training kann ich das Prinzip nutzen, dass jeder auf seinen Raum achtet. Das heißt für mich aber nicht, dass Pferde immer weichen und ich nie. Auch ich gehe mal aus dem Weg. Ich agiere aus der Beziehung heraus – und das ist komplexer als der Gedanke, dass ich das Pferd jederzeit kontrollieren kann. Dr. Vivian Gabor
"Ich möchte gerne, dass meine Pferde mir nah sind”
Den Raum an sich betrachte ich nicht als zentrales Thema. Entscheidend ist für mich, dass Pferde meine Signale verstehen – und dass ich ihre wahrnehme. Befinden wir uns in einem echten Dialog, können wir uns sicher miteinander bewegen. Pferde dürfen auch mein Gesicht berühren. Yvet Blokesch

Zwei Körper im Einklang: Ob wie hier bei der Freiarbeit am Boden oder im Sattel. Die Prinzipien der Verständigung sind gleich.
"Führung entsteht durch Ruhe, Erfahrung und Sicherheit”
Ich bin überzeugt, dass klare räumliche Grenzen für Sicherheit sorgen. Gerade in der Bodenarbeit ist es wichtig, dass Pferde Distanz respektieren und fein auf Körpersprache reagieren. Die Sensibilisierung für Körpersprache sehe ich als einen großen Wert des Horsemanships. Kritisch bewerte ich die Verknüpfung mit Dominanzdenken. Das Bild vom Menschen als Herdenchef, der sich über Bewegung Respekt verschafft, ist stark vereinfacht. Soziale Strukturen in Pferdegruppen sind flexibel und kontextabhängig. Permanente Machtausübung erzeugt keine Führungsqualität. Yvonne Gutsche
Die neue Generation Pferdeflüsterer
Maja Heyne, 22 Jahre alt, gehört zu der Generation, deren Reiterleben durchs Handy geprägt ist. Sie bildet Jungpferde aus und bietet Beritt an. #buttonhorses

Maja Heyne: Meine Isi-Stute Smella hat mich zum Umdenken gebracht. Normale Trainingsmethoden haben bei ihr nicht funktioniert. Ich hatte nie Unterricht, sondern bin schon immer für mich geritten mit dem Pony auf der Wiese. Mein Wissen habe ich mir mit unterschiedlichen Pferden angeeignet.
Ich bin als Reiterin mit dem Smartphone groß geworden. Die geschnittenen Videos von Reitern und Trainern auf Instagram, unterlegt mit Musik, übten eine Faszination aus. Später schaute ich gezielter nach Lösungsansätzen für bestimmte Herausforderungen mit Pferden – und probierte es dann in der Praxis aus. Auch die Pferde-Messe in Hannover ist immer eine Inspiration.
Die Arbeit von Yvet Blokesch gefällt mir sehr gut – vor allem auch, wie sie Dressur reitet mit Halsring. Insgesamt schaue ich aber breit, was mich anspricht und nehme viele unterschiedliche Inspirationen mit.
Ich habe das Gefühl, dass die Leute offener werden für neue Ideen. Sie sehen ja auch mehr Möglichkeiten und trauen sich, etwas auszuprobieren.





