cav-201808-gehirn-lir6841-mit-TEASER-v-amendo Lisa Rädlein

7 Fakten zum Pferdegehirn

So funktioniert das Gehirn beim Pferd

Angst und optische Bilder, Bewegungen und Erinnerungen – alles hat im Gehirn unserer Pferde einen eigenen Platz. Hier liegen die wichtigsten Zonen im Pferdekopf.

Kleinhirn: das Koordinations-Zentrum

Im Kleinhirn (Cerebellum) liegt das Koordinationszentrum für Bewegungen, die aus dem Gleichgewichtsorgan und den Sinnesorganen zusammenlaufen. Von hier aus werden Bewegungen bewusst und unbewusst koordiniert und vom Gleichgewichtssystem reguliert.

Bei Pferden ist das Kleinhirn im Vergleich zum Großhirn größer als beim Menschen. Durch ihre Lebensweise als Fluchttier nutzen und brauchen Pferde diesen Bereich viel intensiver. Welch gute Arbeit das Kleinhirn bei Pferden leistet, zeigt sich schon bei der Entwicklung von Fohlen: Sie können kurz nach der Geburt aufstehen und laufen – wir Menschen brauchen viele Monate und einen harten Lernprozess.

Großhirn: Empfangshalle für die Sinne

Das Großhirn teilt sich in zwei Gehirnhälften und ist die oberste Instanz des Gehirns. Es empfängt, verknüpft und bewertet Informationen aus den Sinnesorganen.

Im vorderen Bereich liegt der präfrontale Cortex. Er ist für Planung, Sozialverhalten und kognitive Leistung zuständig. Dieser Teil des Gehirns ist beim Menschen sehr viel deutlicher ausgeprägt als beim Pferd und wird auch Denkerstirn genannt. Dort sitzen die Areale, die fürs Bewusstsein zuständig sind und Strategien entwickeln.

Riechkolben: der Geruchs-Empfänger

Der Riechkolben empfängt Informationen aus den Riechorganen und ist beim Pferd sehr viel deutlicher ausgeprägt als beim Menschen. An diesem Teil des Gehirns enden die Riechnerven, die von der Schleimhaut der Nase aus in die Schädelhöhle reichen.

Pferde können viel besser riechen als Menschen. Wissenschaftler aus Tokio haben kürzlich herausgefunden, dass Pferde sogar besser riechen können als Hunde, weil sie mehr Gene für Geruchsrezeptoren haben (Hunde: 811, Pferde: 1066, Menschen: 396). Gerüche spielen für die Fluchttiere eine große Rolle, sie sind überlebenswichtig. Denn je eher ein Pferd einen Räuber riecht, desto früher kann es flüchten.

Mandelkern: die Alarmzentrale

Im Mandelkern (Amygdala) sitzt die Steuerzentrale der Emotionen. Das Gehirnareal kontrolliert Aufmerksamkeit und Aggressivität. Der Mandelkern speichert negative Reize rasch ab und schaltet sich bei Gefahr ein, ohne dass die Reize vorher bewertet werden.

In der Ausbildung und im Training von Pferden sollten Reiter den Mandelkern ihres Pferds so wenig wie möglich aktivieren, denn er schaltet sich dann oft ungewollt ein. Pferde, die sehr ängstlich und schreckhaft sind, haben vermutlich einen stark vernetzten Mandelkern.

Fühlt ein Pferd große Angst oder Panik, blockiert das Pferdegehirn: Es kann nicht mehr lernen, weil sich Stresshormone an den Hippocampus haften, der fürs Lernen zuständig ist. Der Mandelkern ist ein Teil des limbischen Systems. Zu ihm gehören auch der fürs Lernen so entscheidende Hippocampus und das Zwischenhirn. Das limbische System im Gehirn besteht aus mehreren Arealen und arbeitet wie ein Kreislauf zusammen.

Thalamus: das Tor zum Bewusstsein

Der Thalamus ist ein Teil des Zwischenhirns. Er wirkt wie eine Verteilerstation innerhalb des limbischen Systems und wird auch „Tor des Bewusstseins“ genannt: Es leitet alle wichtigen Reize aus den Sinnesorganen weiter (außer den Geruch).

Die Weiterleitung optischer Eindrücke funktioniert bei Pferden anders als beim Menschen. Beim Fluchttier Pferd liegen die Augen seitlich, sodass es fast rundum sehen kann, wenn es Kopf und Hals nur wenig bewegt. Die beiden Augen sehen unabhängig voneinander (monokular) – im Gegensatz zum Menschen (binokular). Reize aus den Augen werden deshalb anders verarbeitet. Die Infos aus einem Auge fließen durch den Sehnerv in die gegenüberliegende Hirnhälfte.

Wegen der geringeren Übertragungsrate des Balkens kann ein Pferd Informationen, die von einem Auge aufgenommen wurden, schlechter auf die andere Seite übertragen. Ist ein Pferd beim Ausritt auf dem Hinweg mit seinem linken Auge an einem Holzstapel vorbeigelaufen, kann es auf dem Rückweg trotzdem scheuen. Denn Infos aus dem einen Auge landen nach der Verarbeitung in einer Hirnhälfte nur zu etwa 15 bis 20 Prozent in der zweiten Hirnhälfte. Aus der neuen Richtung hat das Pferd nur eine vage Ahnung vom Holzstapel.

Die beiden Augen werden von Pferden unterschiedlich benutzt. „Generell schauen sich Pferde potenziell gefährliche Dinge lieber mit dem linken Auge an, um sie in der rechten Gehirnhälfte zu verarbeiten“, sagt Ausbilderin Alexandra Schmid. Etliche Verhaltensstudien bestätigen, was die Praxis immer wieder zeigt. Der Grund: Die rechte Hirnhälfte kümmert sich vorwiegend um Emotionen, weshalb emotionsauslösende Eindrücke (z.B. Angst) hier besonders schnell und effektiv verarbeitet werden. Gefahren mit links anzusehen, dürfte also ein Überlebensvorteil fürs Fluchttier sein. Die linke Gehirnhälfte verarbeitet vorwiegend rationale Infos, sie ist quasi fürs Denken zuständig.

Balken: der Info- Tauscher

Der Balken (Corpus callosum) ist ein Nervenband und verbindet die linke mit der rechten Gehirnhälfte. Im Balken tauschen die beiden Hirnhälften, die jeweils für eine Körperhälfte verantwortlich sind, ihre Informationen aus und koordinieren diese über die Nervenzellen, die dort sitzen. Der Balken fungiert also wie eine bewegliche Klappbrücke und verbindet.

Er kann aber auch abtrennen, wenn nur eine Körperhälfte aktiv sein soll. Bei Menschen läuft diese Links-Rechts-Verbindung über den Balken wie geschmiert, wir können gut von der einen Körperseite auf die andere schließen. Pferde können das nicht so gut, weshalb Wissenschaftler davon ausgehen, dass der Austausch der Informationen über den Balken sehr viel langsamer abläuft.

Hippocampus: die Speicherplatte

Der Hippocampus (lat. für Seepferdchen) ist ein Bereich, der für das Kurzzeitgedächtnis zuständig ist. Zudem überführt er wichtige Infos ins Langzeitgedächtnis. Der Hippocampus sorgt dafür, dass neue Inhalte gelernt werden und koordiniert die Gedächtnisinhalte. Er ist Teil des limbischen Systems, das die Motivation kontrolliert und Erinnerungen steuert.

Dieser Bereich kann sich wie alle Bereiche im Gehirn stark vernetzen oder brachliegen: Eine Studie mit Londoner Taxifahrern zeigte, dass deren Hippocampus vernetzter war als im Bewohner-Durchschnitt in der britischen Hauptstadt. Der Hippocampus verarbeitet räumliche Wahrnehmung und räumliche Erinnerungen – die Taxifahrer tagtäglich trainieren.

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