Was die Mimik unserer Pferde verrät

Was die Mimik unserer Pferde verrät
Schau mir ins Gesicht

ArtikeldatumZuletzt aktualisiert am 06.05.2026
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Die Mimik unserer Pferde verrät uns so viel.
Foto: Rädlein

Was fühlst du? Was bewegt dich? Eigentlich ist unseren Pferden klar ins Gesicht geschrieben, ob es ihnen gut geht, ob sie aufmerksam sind, konzentriert, angestrengt, gestresst, ängstlich, unsicher, Schmerzen haben. Wir müssen’s "nur" lesen. Nur tun wir das im Alltag nicht immer. Und aus den unzähligen Diskussionen über vierbeinige "happy athletes” im Pferdesport wissen wir: Die Deutungen über die Mimik unserer Vierbeiner gehen hier (oft weit) auseinander. Sind sie konzentriert, angestrengt – oder doch gestresst und haben Schmerzen?

Dass die Signale unserer Pferde in Interaktionen mit den Reitern – also sowohl im Umgang, bei der Bodenarbeit als auch beim Reiten – in Zukunft besser eingeschätzt werden, daran arbeiten zwei versierte Verhaltensforscherinnen: Dr. Margit Zeitler-Feicht und Dr. Kathrin Kienapfel. Gemeinsam mit weiteren Protagonisten wie Dr. Diana Stucke, Martin Plewa und Thies Kaspareit wollen sie erreichen, dass Trainer und Richter künftig besser im Ausdrucksverhalten von Pferden geschult werden – mit Seminaren, die sich genau damit beschäftigen, organisiert von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).

Wie viel man bei solchen Kursen tatsächlich in der Pferde-Mimik lesen kann, erlebten wir live Mitte März im Kranzberger Stall Kistler. Dort organisierte Tierheilpraktikerin Sarah Mergen den Workshop "Pferdeverhalten richtig deuten” mit Dr. Zeitler-Feicht und Dr.  Kienapfel. Der Kurs gibt eine Vorahnung darauf, wie die FN-Seminare für "Multiplikatoren in Sport und Ausbildung”, wie es Dr. Zeitler-Feicht sagt, aussehen können – und wie unglaublich viel unsere Pferde uns zu sagen haben. Wenn wir hinschauen.

Die Mimik unserer Pferde verrät uns so viel.
Rädlein

Ausdrucksstarke Pferde-Gesichter

Entspannt, aufmerksam, irritiert, ängstlich, panisch, offensiv oder defensiv aggressiv: All diese Emotionen können wir in den Gesichtern unserer Pferde ablesen. Und zwar verlässlich: "Mimik, Gestik und Körperhaltung korrelieren mit physiologischen Reaktionen”, erklärt Dr. Kathrin Kienapfel – also etwa mit der Ausschüttung von Stresshormonen oder höherem Puls.

Zu den mimischen Ausdruckselementen gehören mehrere Punkte: die Stellung der Ohren, die Augenpartie (Lidschluss und Augenbewegungen), der Anspannungsgrad von Nüstern, Ober- und Unterlippe sowie Wangenmuskulatur, die Stellung des Maulspalts und der Öffnungsgrad des Mauls, zählt Dr. Kienapfel auf.

Die Mimik unserer Pferde verrät uns so viel.
Rädlein

Bei Warm- und Vollblütern erkennen wir solche Gesichtsausdrücke oft einfacher, sagt Dr. Margit Zeitler-Feicht: "Sie haben weniger Unterhautfettgewebe, deshalb treten angespannte Gesichtsmuskeln deutlicher hervor. Bei Ponys und Kaltblütern ist das nicht so leicht zu sehen; hier sollten Reiter mehr auf Ohren, Nüstern und Maul als Signale achten." Diese drei Indikatoren lassen sich bei der Mimik-Beurteilung oft am deutlichsten – und am einfachsten – erkennen.

Eines dieser drei Merkmale allein reicht aber nicht aus, um das optische Ausdrucksverhalten von Pferden verlässlich beurteilen zu können, betont Dr. Zeitler-Feicht: "Es zählt immer der Gesamteindruck. Dazu zählen Mimik, Körper- und Schweifhaltung sowie Gestik – und das abhängig von Kontext und Situation.” Beim Kurs vor Ort analysierten die Teilnehmer daher immer das Gesamtbild; mit Fokus auf die Pferde-Mimik.

Die Mimik unserer Pferde verrät uns so viel.
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Die sprach oft schon Bände: Manche Pferde nahmen die ungewohnte Atmosphäre und die vielen Menschen in der Halle sehr aufmerksam und etwas angespannt wahr, andere wirkten unsicher oder vollkommen entspannt.

Dasselbe Bild konnten wir auch beim Reiten beobachten: mal entspannte, mal angespannte Pferdegesichter. "Bei anstrengenden Lektionen, die Kraft und Aufmerksamkeit vom Pferd erfordern, können wir Ausdruckselemente wie eine angespannte Gesichtsmuskulatur beobachten, die auch Stress signalisieren können”, sagt Dr. Kathrin Kienapfel.

Die Mimik unserer Pferde verrät uns so viel.
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Stressen also Reiten, Bodenarbeit oder Longieren unsere Pferde? Jein: Jede Art von Trainingsreiz ist per se eine gewisse Art von Stress. Wichtig ist, dass der Stress nicht dauerhaft anhält. Das erkennen wir etwa daran, dass die Gesichtsmuskulatur sich wieder entspannt und das Maul weicher wird, wenn die Lektion beendet ist oder wir eine Pause machen.

Den kompletten Mimik-Guide fürs Training mit Signalen von Ohren, Nüstern, Ohren und Körpersprache gibt es als PDF zum Download: