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9 Weide-Tipps für Pferde mit Rehe, Cushing & Co

So grasen Pferde mit EMS, Cushing oder Hufrehe sicher

Das frische Grün leuchtet verlockend. Doch Grasen ist für Pferde mit Cushing, EMS oder Rehe riskant. Viele Pferdebesitzer sind
verunsichert, was sie tun sollen. Unsere Experten klären die wichtigsten Fragen zum Weidegang.

Warum ist Weide für Pferde mit Stoffwechselproblemen so riskant?

Gras ist ein süßer Cocktail aus leichtverdaulichen Kohlenhydraten. Riskant sind vor allem die enthaltenen Fruktane. Pferden fehlt die Fähigkeit, diese Zuckermoleküle im Dünndarm abzubauen. Sie werden erst im Dickdarm geknackt. Manche Bakterien vermehren sich dabei, andere sterben und setzen Giftstoffe frei, was indirekt Hufrehe auslösen kann.

„Bei gesunden Pferden sind große Mengen Fruktan nötig, um zu erkranken. Aber Tiere mit EMS, Cushing oder Hufrehe reagieren aufgrund ihrer Insulinresistenz empfindlicher auf den Zucker“, sagt Dr. Lea Brinkmann, die an der Uni Göttingen zu Stoffwechselkrankheiten forscht. Das Zusammenspiel zwischen Zucker (Glukose) und dem Hormon Insulin ist bei erkrankten Pferden gestört. Zudem sind laut der Expertin die Hufe häufig durch die Insulinresistenz ohnehin mit schleichender Rehe vorbelastet.

Landen dann noch Giftstoffe in den Zellen und Blutgefäßen der Hufe, kommt es schnell zur akuten Rehe. Die Folgen sind fatal: Bei Pferden mit der Wohlstandskrankheit EMS ist Hufrehe die häufigste Todesursache. Und laut Schätzungen hat in Deutschland jeder zweite oder dritte Hufrehe-Patient auch Cushing.

Tückisch: Das Rehe-Risiko steigt um das Zehnfache, wenn Insulinresistenz, Übergewicht und eine Rehe-Vorgeschichte zusammenkommen.

Darf das Pferd überhaupt auf die Koppel?

Ob Pferde mit einer Vorerkrankung wie Hufrehe, EMS oder Cushing aufs Gras dürfen, ist eine Gewissensfrage. Hundertprozentige Sicherheit vor Rehe gibt es nicht.

„Wenn die Besitzer jegliches Hufreherisiko ausschließen möchten, ist Weidegang tabu“, sagt Lea Brinkmann. Pferde mit aktueller Rehe-Vorgeschichte sollten auf keinen Fall einen Huf aufs Grün setzen. Sie sind auf dem Paddock besser aufgehoben. Was ein, zwei oder drei Jahre später ist, bleibt abzuwarten.

Wichtig: Stimmen Sie sich in puncto Weidegang mit dem behandelnden Tierarzt ab. Dieser kann übrigens auch mit einer Blutuntersuchung die Stärke der Insulinresistenz testen. Lea Brinkmann rät, Risikopatienten immer nur mit Fressbremse auf die Weide zu stellen.

Wie sieht ein guter Plan fürs Anweiden aus?

Haben Pferde grundsätzlich grünes Licht für die Weide bekommen, sollten Reiter sie behutsam ans Gras gewöhnen. Zum Anweiden eignen sich Ende Juni und Juli besser als das Frühjahr, da dann die Fruktangehalte im Gras niedriger sind. Starten Sie mit 15 Minuten und steigern in der ersten Woche jeden zweiten Tag die Fresszeit um eine Viertelstunde. Fressbremse nicht vergessen!

Anfang der zweiten Woche grast das Pferd zwei Mal täglich für eine Stunde. Am Ende der zweiten Anweidewoche darf es insgesamt vier Stunden am Tag auf die Weide. „Bei dieser Zeit können Sie sich einpendeln. Viel länger sollten die Pferde eine Fressbremse ohnehin nicht tragen“, so Dr. Brinkmann.

Gute Flächen fürs erste Grasen sind überständige Weideflächen, auf denen die Pflanzen bereits etwas trockener und struppiger sind. Fruktanärmer sind auch Pflanzen, die schon Blüten und Samen tragen. „Halten Sie aber immer auch Wetter und Temperatur im Auge“, rät die Expertin.

Sind abgegraste Weiden besser?

Nein, das ist ein gefährlicher Irrglaube. Tatsächlich sollten Tiere mit Stoffwechselproblemen keinesfalls auf Magerweiden grasen. Raspelkurz gefressenes oder gemähtes Gras ist gestresst und bunkert hohe Mengen Fruktan – und zwar vor allem im Stängel. Je höher eine Pflanze hingegen ist, desto mehr Fasern und desto weniger Nährstoffe enthält sie. Kurze Halme sind also riskanter als überständige Gräser.

Futterberaterin Constanze Röhm rät: „Lassen Sie Pferde nicht mehr fressen, wenn Gräser kürzer als zehn Zentimeter sind.“ Sind energiearme Gräser längst dem gierigen Pferdemaul zum Opfer gefallen, stehen nur noch die Überlebenskünstler: Und das sind Grassorten mit hohen Energiespeichern und vielen Fruktanen. Gut für die Grasnarbe, schlecht für rehegefährdete Tiere.

Zudem gilt: „Pferde nehmen auf abgegrasten Weiden mehr Sand und Erde auf, was den Stoffwechsel zusätzlich belastet“, sagt Annika Nüsken von der LUFA NRW, der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Wann ist Grasen am sichersten?

Verschiedene Untersuchungen zeigen: Im Mai und Juni ist der Fruktangehalt hoch. Im August relativ niedrig. Im Herbst steigen die Werte wieder. Besonders kritisch wird es bei Frost. Denn der Fruktangehalt hängt vom Wachstum der Pflanze ab. Kann die Pflanze nicht wachsen, speichert sie Energie. Wächst sie wieder, verbraucht sie Energie. Wie viel Fruktan die Pflanze enthält – und wie riskant das Grasen ist – steuern Licht, Vegetationsperiode und Temperatur:

Frostiges oder kaltes Wetter (unter 5°C) und Sonnenschein: Gras wächst nicht, speichert aber wegen vermehrter Photosynthese massiv Fruktan. Sehr hohe Rehegefahr.

Warmes Wetter (über 20 Grad), bedeckter Himmel: Gras wächst, speichert aber kaum Fruktan. Geringe Rehegefahr.

Warmes Wetter, Sonnenschein, massive Trockenheit: Gras wächst kaum, Fruktanspeicher werden gefüllt. Erhöhte Rehegefahr.

Warmes Wetter, Sonnenschein, genug Feuchtigkeit: Gras wächst, Fruktanspeicher werden abgebaut. Geringe Rehegefahr. Wichtig: Ab Mittag füllen sich Fruktanspeicher wieder.

Sind manche Grassorten besonders riskant?

In vielen Gräser-Mischungen finden sich Weidelgräser, da sie schnell wachsen und trittfest sind. Das Problem: Die Grassorte ist eigentlich als Hochleistungs-Futter für Milchkühe gedacht und enthält neben Stärke vor allem verschiedene Zuckerarten wie Saccharose, Glukose, Fruktose und Fruktane. Der hohe Zuckeranteil wandert als Fett auf die Rippen und kann Hufrehe auslösen.

Gesünder ist eine fruktanarme, magere Gräsermischung. Etwa diese: 47% Wiesenschwingel, 17% Wiesenlieschgras, 10% Wiesenrispe, 10% Rotschwingel, 10 % Deutsches Weidelgras und 6% Weißklee.

Für die optimale Nachsaat spielen aber auch die Anzahl der grasenden Pferde sowie der Standort eine Rolle. Eine individuelle Beratung ist also am besten. Sie suchen einen Grünlandexperten mit Pferdekenntnissen? Fündig werden Sie etwa bei den Landwirtschaftskammern.

Bringt es etwas, die Weidezeit zu verkürzen?

Der Effekt ist gleich null. Wer wild auf Gras ist, futtert einfach schneller. Das zeigte eine US-Studie. Tiere, bei denen die Weidezeit auf drei Stunden pro Tag reduziert wurde, verschlangen durchschnittlich 1 Kilo Gras pro Stunde, bei 9 Stunden Weidegang futterten sie 600 Gramm und bei 24 Stunden 350 Gramm pro Stunde.

Je kürzer die Fresszeit, desto höher die Fressgeschwindigkeit. Bei der Gesamtmenge kam heraus: Unterm Strich fraßen Pferde immer ungefähr die gleiche Menge Gras.

Düngen oder nicht düngen?

Dünger hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Oft ist zu hören, dass für Pferde mit Stoffwechselproblemen ungedüngte Weiden gesünder wären. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall!

„Mit Stickstoff gedüngte Flächen weisen einen niedrigeren Fruktangehalt auf als ungedüngte Flächen. Das zeigen verschiedene Studien“, sagt Pferdeweidenexpertin Annika Nüsken. Die Pflanzen brauchen den Dünger als Nahrung, um optimal zu wachsen. „Wer aufs Düngen verzichtet, kann dadurch außerdem die Verbreitung von Unkräutern fördern“, so die Expertin.

Um das Hufreherisiko zu minimieren, sollten Pferdehalter 50 bis 60 Kilo Stickstoff je Hektar im Frühjahr ausbringen – die Menge variiert nach Nutzungsintensität. Infos zur optimalen Düngung: Tel. 0251 / 2 37 67 17 oder annika.nuesken@lwk.nrw.de

Was nützt ein Maulkorb?

Mit Fressbremse landet laut US-Studie 30% weniger Gras im Pferdemagen. Ältere Forschungen gehen sogar von 70 bis 80% aus. Die Zahlen variieren auch je nach Fresskorb, denn es gibt Modelle mit unterschiedlich großen Löchern.

Checken Sie unbedingt, ob das Pferd damit trinkt. Und denken Sie daran: Nach vier bis maximal sechs Stunden kommt die Fressbremse runter – dann ist für Spezialfälle Schluss mit Grasen.

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