Dösen mit dem Pferd Lisa Rädlein

Warum Pferd und Reiter zusammen dösen sollten

Süßes Nichtstun Warum Pferd und Reiter zusammen dösen sollten

Gemeinsames Dösen stärkt nicht nur Pferde-Freundschaften. Auch Sie können Ihre Beziehung zum Pferd wie im Schlaf verbessern.

Kennen Sie eine der Lieblingsbeschäftigungen Ihres Pferds, wenn Sie nicht da sind? Genau: Süßes Nichtstun! Neben Fressen füllen Schlafen und Ruhen in Pferdegruppen den größten Teil des Tages.

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Dösen mit dem Pferd
Schlafen für die Freundschaft Wie gemeinsames Dösen die Beziehung fördert
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Sogar Freundschaften pflegen Pferde im Dämmerzustand – warum sollten also nicht auch wir Reiter die Macht des Dösens nutzen? "Wenn wir mit unseren Pferden ruhen würden, könnte das die Beziehung auf ein ganz anderes Level heben", ist etwa Wildpferdefotograf Marc Lubetzki überzeugt.

Pferde dösen in kurzen Reprisen

Pferde dösen viel, aber meist nicht lange. Während Menschen acht Stunden am Stück verschlafen, dauert bei Pferden eine Ruhephase meist nur zwischen 13 und 40 Minuten. Insgesamt summiert sich aber auch bei Pferden die Ruhezeit auf sechs bis neun von 24 Stunden.

Dabei durchlaufen die Tiere unterschiedliche Ruhe- und Schlafphasen (siehe Abschnitt "Dösen oder Schlafen?"), den Großteil der Ruhephasen verbringen sie im Stehen.

Eine ausgeprägte Dösephase folgt in der Natur nach dem morgendlichen Fressen: "Dazu kommen die Pferde nach dem verstreuten Grasen wieder dichter zusammen", beschreibt Marc Lubetzki.

Dösen als Freundschaftszeichen

Wer dann neben wem ruht, macht Freundschaftsbande sichtbar: "Zum Dösen stellen Pferde sich gerne neben befreundete Tiere, zu denen sie soziale Bande pflegen. Fohlen und Jungpferd dösen meist in direkter Nähe zu ihrer Mutter", so Verhaltensforscherin Prof. Konstanze Krüger.

Wie wichtig die Gruppe fürs Dösen ist, zeigte auch eine Studie mit Jungpferden an der Universität Maryland: Bei Beobachtungen der Tiere in Gruppen- und Einzelhaltung auf einem Paddock stellten die Forscher fest, dass sich die Schlafperioden verlängerten, wenn sich die Tiere in der Gruppe aufhielten und sich entsprechend sicherer fühlten als allein.

Für Marc Lubetzki ist Dösen der wichtigste Sozialkontakt überhaupt unter Pferden: "Es gibt beim Ruhen sehr viel Körperkontakt", beobachtet er. Oft stünden die Pferde anfangs etwa 50 Zentimeter voneinander entfernt, näherten sich dann ganz langsam an.

"Es berühren sich etwa ganz leicht die Bäuche oder ein Pferd lehnt den Kopf hauchzart an den Körper des anderen", schildert er. "Das ist ein großer Unterschied dazu, wie wir Menschen Pferde zum Beispiel oft am Kopf anfassen."

Sanfte Berührungen abschauen

Die besondere Art der Berührung beim Dösen können wir uns aber abschauen, regt Lubetzki an. Dazu stellen Sie sich neben Ihr Pferd und nehmen hauchfeinen Kontakt auf, mit der Hand oder zum Beispiel Ihrer Schulter. "Ich habe das mit meiner Stute ausprobiert und sie hat es offenbar sehr genossen, verweilte ganz frei bei mir", berichtet Lubetzki.

Auch Pferdeverhaltenstrainerin Marie Heger sieht Dösen als Qualitätszeit mit dem Pferd, die die Bindung vertiefen kann. Dabei verweist auch sie auf die Wissenschaft: "Verbringen wir gemeinsam Zeit, wird das Bindungshormons Oxytocin ausgeschüttet. Dadurch kann sich mein Pferd mir auch im Training noch besser anschließen", erklärt Heger.

Oxytocin steht sowohl bei Menschen als auch bei Tieren in Verbindung mit sozialen Interaktionen und fördert die Bindung.

Leistungsdruck durchbrechen

"Ich rate jedem, einmal einen ganzen Tag mit seinem Pferd zu verbringen und auch die Ruhephasen zu erleben", so die Verhaltenstrainerin. "Holen wir das Pferd immer nur zum Training heraus, wissen wir oft gar nicht, wie es in vollkommen entspanntem Zustand aussieht." Das sei aber wichtig, um das Pferd im Training richtig einschätzen zu können.

Zudem erwarten die meisten Pferde, dass sie immer Leistung bringen müssen und aus der Herde genommen werden, wenn der Mensch kommt. "Dieses Muster zu durchbrechen, kann hilfreich sein und das Vertrauen des Pferds stärken", sagt Marie Heger.

Problemverhalten lässt sich jedoch nicht einfach wegdösen: "Sobald sich die Energie, mit der man einem Pferd begegnet ändert, verändert sich auch das Verhalten des Tiers. Daher kann gemeinsam zu entspannen zwar die Bindung stärken, aber strukturiertes Training nicht ersetzen", erklärt die Problempferdeexpertin.

Vom Dösen fürs Training lernen

Gemeinsam mit dem Pferd nichts zu tun, fällt vielen Reitern gar nicht so leicht – ohnehin plagt oft schon das schlechte Gewissen, dem Pferd zu wenig Programm zu bieten. Tierpsychologe Stefan Valentin rät, sich von diesem Druck zu lösen: "Wir wollen unsere Pferde immer bespaßen. Dabei müssen sie bei artgerechter Haltung nicht immer etwas tun, um zufrieden zu sein", so Valentin.

"Das wird oft klarer, wenn wir die Pferde beim friedlichen Dösen beobachten." Lässt sich die für den Menschen neu gewonnene Gelassenheit von der Weide auch ins Training mitnehmen? Ja, zu einem gewissen Grad.

Stefan Valentin baut kurze gemeinsame Ruhephasen als Pause ein, wenn das Pferd eine Übung richtig ausgeführt hat. "Ich lasse dazu den Gedanken an die Übung fallen und entspanne völlig. So schaffe ich einen Moment des Innehaltens, in welchem das Pferd und ich gemeinsam zur Ruhe kommen können."

Auf Streicheln verzichtet Valentin dabei, nähert sich höchstens mit seinem Kopf sanft dem des Pferds. Das entspricht auch seinen Beobachtungen in Pferdeherden: "Schickt ein anderes Herdenmitglied es weg, hebt das Pferd den Kopf und weicht aus, um der Aufforderung nachzukommen. Danach senkt es den Kopf wieder und geht zurück in den Entspannungszustand."

Bitte nicht einschlafen!

Marie Heger setzt ebenfalls auf Pausen. Sie rät, diese nicht zu lange auszudehnen. "Das Pferd während des Trainings in einen totalen Ruhezustand verfallen zu lassen, wäre unfair, da es ihm danach schwerer fällt, sein Energielevel und seine Körperspannung wieder hochzufahren", erklärt sie.

Anders sieht es aus, wenn das Pferd gezielt lernen soll zu dösen: "Meiner Stute habe ich beigebracht, dass ich sie ablege, durchkraule, sie dann eindöst und anfängt zu schnarchen – das ist auf Messen sehr hilfreich." Und auch als Trainingsabschluss ist gemeinsames Dösen eine gute Idee.

Probieren Sie es doch mal aus, vielleicht entdecken Sie das süße Nichtstun für sich.

Dösen oder Schlafen?

Stehend, liegend oder flach wie eine Flunder auf der Seite – Pferde ruhen auf viele verschiedene Arten. Welche Zustände zwischen Dösen und Schlafen gibt es?

Dösen: Etwa 10 bis 20 Prozent des Tages verbringen Pferde dösend. Gedöst wird im Stehen, damit sie im Notfall sofort fliehen können. Ein dösendes Pferd ist entspannt, mit zur Seite fallenden Ohren, hängender Unterlippe und halb geschlossenen Augen.

Schlummern: Schlummern Pferde, liegen sie in Brustlage, mit den Beinen unter ihrem Körper. So können sie bei Gefahr schnell aufspringen. In diesem Zustand nehmen Pferde noch entfernt Sinneseindrücke wahr und erwachen sehr schnell.

Leichter Schlaf: Der Prozess des Einschlafens und die Zeit danach. Der Organismus entspannt sich, der Puls verlangsamt sich und die Atmung wird tiefer.

Tief- und REM-Schlaf: Den erholsamen Tiefschlaf (auch SWS-Schlaf) kann ein Pferd im Stehen erreichen, viele Pferde legen sich für diese Schlafphase aber auch hin. Den REM-Schlaf erreichen Pferde nur in Seitenlage.

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