Dossier Radler vs Reiter Lisa Rädlein

Warum Radfahrer und Reiter so oft zusammenrasseln

Warum Radfahrer und Reiter so oft zusammenrasseln Regeln und Konfliktlösungen

Wir Reiter haben mit den Radlern etwas gemeinsam: Wir lieben die Natur. Doch wenn wir uns dort begegnen, gibt es oft Stunk – und kann sogar gefährlich werden. Welche Regeln gelten? Wie lassen sich Konflikte lösen? Plus: das CAVALLO-Überhol-Experiment.

Wir machen keinen Platz, wir zertrampeln die Wege, wir hinterlassen Dreck, wir behandeln andere vom hohen Ross herab und dasselbige haben wir auch noch überhaupt nicht im Griff. Wer sagt denn sowas?

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Dossier Radler vs Reiter
Dossier: Reiter und Fahrradfahrer „Platz da, hier komm’ ich!“
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Radfahrer vielleicht. Schon mal gehört? CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski kennt die Vorwürfe. Auf einem Schotterweg wies sie ein Radler ungehalten darauf hin, dass ihr Pferd mit seinen Hufeisen alles umpflügen würde. Sie schaute hinter sich und sah nicht eine Spur davon. Ein anderes Mal ritt sie auf einer kaum befahrenen Straße und wich ein wenig in Richtung Fahrbahnmitte aus, um einen glatten Kanaldeckel zu umrunden. Der einzige andere Verkehrsteilnehmer auf weiter Flur war ein älterer Herr auf einem Fahrrad, der schimpfend neben ihr anhielt und sich beschwerte, sie würde mitten auf der Straße reiten.

Auf der anderen Seite ärgern sich Reiter über Mountainbike- und Rennradfahrer, die von hinten heranpreschen und ohne abzubremsen überholen. Oder die, denen es Spaß zu machen scheint, sich heranzuschleichen und kurz vorm Überholen mit Schmackes zu klingeln, damit Reiter und Pferd aber auch ganz sicher wenigstens ordentlich zusammenzucken. Das kommt Ihnen bekannt vor?

Verkehrsklima wird rauer

Aggressives Verhalten gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern im Straßenverkehr hat in den letzten Jahren zugenommen. Laut der "Mobility-Studie 2020" des TÜV-Verbands sind rund zwei Drittel der Befragten dieser Meinung. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) in Deutschland veröffentlichte 2020 die Ergebnisse einer Umfrage zum Verkehrsklima in Deutschland, die den Eindruck insgesamt bestätigt. Eine deutliche Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung liegt hier nahe: Verkehrsteilnehmer, die ständig Rüpeleien auf der Straße mitbekommen, geben mehrheitlich an, sich selbst vernünftig zu verhalten.

Wechseln wir die Perspektive. Wir haben unsere fahrradfahrenden Kollegen aus den Redaktionen ELEKTROBIKE, MOUNTAINBIKE und ROADBIKE gefragt, was sie erleben, wenn sie unterwegs auf Reiter treffen. Gustavo Enzler aus der Redaktion MOUNTAINBIKE hat kein Problem mit Reitern. "Wer nicht vorsichtig heranfährt, sich rechtzeitig bemerkbar macht und weiträumig umfährt, ist selbst schuld", sagt er. "Ich habe allergrößten Respekt vor den Tieren und den sollte man auch haben. Alles andere ist für mich unverständlich und nur eine Gefährdung der eigenen Gesundheit."

Ein anderer Kollege findet uns Reiter manchmal nett, manchmal aber auch "richtig dreist". Er wünscht sich mehr Verständnis: "Nicht jeder ist mit Pferden aufgewachsen, und nicht jeder weiß, wie schreckhaft sie sein können."

Wenn Radler zu wenig über Pferde wissen und Reiter sich nicht in Radler hineinversetzen können, sind Missverständnisse programmiert. Die Situation mit dem höchsten Streitpotenzial entsteht, wenn Radfahrer von hinten heranfahren. Wir haben unsere Leser auf Facebook gefragt, was sie dabei erleben und was sie ärgert.

"Meistens haben die weder eine Klingel noch einen Mund", beschwert sich eine Reiterin. Eine andere findet es unmöglich, dass Radler bergab ungebremst am Pferd vorbeirauschen. Brenzlig wird es, wenn sie beim Überholen zu dicht am Pferd vorbeifahren, teilweise sogar so dicht, dass der Fahrradlenker die Pferdeflanke berührt, wie einige schreiben.

Konflikte mit Radfahrern hätten sich in den letzten beiden Jahren verschlimmert, berichten viele. Das E-Bike etwa ermöglicht mehr Menschen den Fahrspaß mit dem Rad und mehr Tempo beim Überholen.

Dossier Radler vs Reiter
Julia Waldenmaier/JW Fotografie
Dieser Weg ist für alle da. Trotzdem gibt es oft Streit.

Die Meinung über Radfahrer ist unter den Reitern unterschiedlich: Manche empfinden ihre Weggenossen als rücksichtlose Rüpel, andere gestehen der Mehrheit der Drahteselfahrer zu, sich freundlich und verantwortungsvoll zu verhalten.

Zu dicht, zu schnell: Beim Überholen passieren die meisten Unfälle

Reizthema ist vor allem das Klingeln. Die radelnden Journalisten-Kollegen fragen sich, ob sie überhaupt klingeln dürften, wenn sie ein Pferd sehen. Nicht unberechtigt: Im nordrhein-westfälischen Rheinberg stürzte Anfang dieses Jahres eine Reiterin vom Pferd, weil es sich erschrak. Ein Radfahrer hatte überholt und dabei permanent geklingelt.

Grundsätzlich ist das Hupen oder Klingeln als Warnung in Gefahrensituationen gemäß Straßenverkehrsordnung zulässig. Der Landesverband Saarland des Verkehrsclubs Deutschland e.V. (VCD) rät Radfahrern jedoch, bei Pferden wegen ihres unvorhersehbaren Verhaltens vorsichtig zu sein und frühzeitig statt erst unmittelbar hinter dem Pferd zu klingeln (Empfehlung: etwa 100 Meter vorher). Wer durch Klingeln oder Rufen auf sich aufmerksam macht, hat jedoch keinen Freifahrtschein, um sich am Pferd vorbeizuquetschen. Ein Mindestabstand, muss – von Radfahrer und Reiter gleichermaßen – eingehalten werden, um auf plötzliche Reaktionen des Tiers oder einen Schlenker des Radfahrers reagieren zu können. Darauf verwies das Landgericht München in seiner Urteilsbegründung zu einem Rechtsstreit, bei dem eine Radfahrerin Ansprüche gegenüber einem Reiter durchsetzen wollte, weil sie beim Überholen gestürzt war und sich verletzt hatte.

Beim Überholen müssen sich Radfahrer – wie andere Verkehrsteilnehmer auch – an einen Abstand zum Pferd von mindestens 1,5 Metern halten. Wird dieser nicht eingehalten und es kommt zu einem Unfall, hat der Radler im schlimmsten Fall keinen Anspruch auf Schadenersatz. Aktuelle Urteile des Landgerichts Frankenthal (Az. 4 O 10/19) sowie des Landgerichts München (Az. 19 O 6004/20) wiesen Klagen von Fahrradfahrern wegen des nicht eingehaltenen Sicherheitsabstands ab oder rechneten ihnen eine hälftige Mitschuld an.

Ein Radfahrer, der zu dicht am Pferd vorbeifährt und dabei einen Unfall erleidet, kann sich auch nicht darauf berufen, dass er nicht genug Platz zum Ausweichen gehabt hätte. Kann ein Sicherheitsabstand beim Überholen aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nicht eingehalten werden, muss der Verkehrsteilnehmer mit dem Überholen warten.

Der ewige Äpfel-Streit: Steine des Anstoßes für Fahrradfahrer

Während die Regeln im Straßenverkehr, zum Beispiel für den Mindestabstand beim Überholen, durch die Straßenverkehrsordnung klar geregelt sind, gilt in Wald und Flur der Grundsatz der gegenseitigen Rücksichtnahme. Das bedeutet nicht nur für Radfahrer, dass sie sich dort genauso anständig benehmen wie auf der Straße, sondern gilt auch für Reiter.

Den Kollegen Lukas Hoffmann aus der MOUNTAINBIKE-Redaktion stören zum Beispiel Pferdeäpfel auf den Wegen. "Die machen sich in meinem groben Reifenprofil überhaupt nicht gut, erst recht nicht, wenn ich schnell fahre und mir die ganze ,Suppe’ ins Gesicht fliegt." In der baden-württembergischen Gemeinde Hohenstein beschwerten sich sogar mehrere Fahrradfahrer über die Hinterlassenschaften. Das Ordnungsamt verschickte ein Rundschreiben an die umliegenden Reitställe mit der Bitte, die Bollen nicht einfach liegenzulassen. Aber sind wir Reiter denn dazu verpflichtet, die Hinterlassenschaften unserer Pferde wegzuräumen?

Im Straßenverkehr müssen Pferdeäpfel entfernt werden. Gemäß § 32 StVO ist es verboten, Straßen zu beschmutzen, wenn dadurch der Verkehr gefährdet oder erschwert wird. "Pferdeäpfel können eine solche Gefahr darstellen und sind deshalb zu entfernen", erklärt Lukas Bloching von der Gemeinde Hohenstein. Geh- und Radwege dürfen ohnehin von Reitern nicht genutzt werden. Für Waldwege, auf denen keine Autos fahren, gilt diese Verpflichtung jedoch nicht. Hier gilt nur noch der Grundsatz der gegenseitigen Rück- sichtnahme. "Keinem von uns Reitern bricht ein Zacken aus der Krone, wenn wir absteigen und die Äpfel mit dem Fuß zur Seite schieben", schreibt eine Leserin auf Facebook. Das muss übrigens nicht unbedingt sofort geschehen. "Eine Pflicht zum sofortigen Beseitigen während des Ritts ist aus meiner Sicht nicht verhältnismäßig", betont Bloching. Es genügt also, das kleine Malheur nach dem Ausritt zu entfernen.

Das Äppel-Problem in Hohenstein hat sich übrigens in Wohlgefallen aufgelöst: Die Reiter sorgen nun für saubere Wege und die Radler haben keinen Grund mehr, sich zu beschweren.

Das Rezept für weniger Stress: Verständnis und Rücksichtnahme

"Gegenseitige Rücksichtnahme ist ein Grundsatzproblem der Menschen", schreibt eine leidgeplagte Reiterin auf Facebook, die sich auch gelegentlich über Fahrradfahrer ärgert, wenn sie mit ihrem Pferd in der Natur unterwegs ist. Steht dieses Grundsatzproblem dem Grundsatz der Rücksichtnahme im Weg?

Ingmar Hötschel von der Deutschen Initiative Mountainbike e. V. (DIMB) schätzt die Lage gar nicht so kritisch ein. Er bezieht sich auf eine Studie des Deutschen Wanderverbands (DWV) von 2019, in der über 90 Prozent der Befragten angeben, selten bis nie Probleme mit anderen Naturnutzenden gehabt zu haben. Hötschel hält die Zahlen auch für andere Natursportarten als Wandern für aussagekräftig, da immerhin 18 Prozent der Befragten als Hauptsportart Mountainbikefahren angaben und knapp 17 Prozent Reiten. "Gewandert und geradelt ist bestimmt jeder von uns schon mal. Begegnungen mit Pferden sind dagegen nicht mehr alltäglich. Daher entstehen hier wahrscheinlich häufiger Missverständnisse", vermutet Ingmar Hötschel.

Wie andere Natursportverbände auch, hat die DIMB für ihre Mitglieder Regeln für das richtige Verhalten in Wald und Flur aufgestellt. Im Austausch mit Sonja Schütz von der Vereinigung für Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland e. V. (VFD) sind bereits gemeinsame Kampagnen und Ideen entstanden. "Wir möchten damit die Zielgruppen sensibilisieren und für einen guten Umgang miteinander werben", so Hötschel.

Die Tipps der beiden Verbände sind weder umfangreich noch kompliziert – und beziehen sich nicht nur auf Radfahrer. Auch wir Reiter müssen uns an die eigene Nase fassen und Rücksicht nehmen: Wer nicht im Galopp an Radlern vorbeiprescht, Pferdeäpfel zumindest auf engen Wegen beiseiteräumt und auf einen Zuruf oder ein Klingeln von hinten mit einem Handzeichen reagiert, wird mit den meisten Drahteselreitern keine Probleme haben. Umgekehrt sollten Fahrradfahrer sich rechtzeitig bemerkbar machen und abbremsen, mit ausreichendem Abstand überholen und nicht an Wegkreuzungen oder schwer einsehbaren Kurven mit vollem Tempo um die Ecke schießen.

"Dazu gehört auch, freundlich und klar zu kommunizieren, wie andere Weggenossen sich idealerweise verhalten sollten", betont Ingmar Hötschel. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es eben auch heraus.

Regeln für Reiter und Radler

Reiter und Radfahrer, die auf öffentlichen Straßen unterwegs sind, müssen sich an die Verkehrsregeln der Straßenverkehrsordnung (StVO) halten. Die Regeln für private Wege stellen die einzelnen Bundesländer auf. Auf Feld- und Waldwegen gilt das Prinzip der gegenseitigen Rücksichtnahme.

Reiter müssen beachten:

  • Auf der Fahrbahn auf der äußersten rechten Seite bleiben.
  • Nicht auf Fahrradwegen oder auf Gehwegen reiten.
  • Bei schlechten Sichtverhältnissen auf ausreichende Beleuchtung achten.
  • Reitergruppen bestehen aus maximal 12 Reitern. Größere Gruppen müssen sich aufteilen.
  • Auf Straßen müssen Pferdeäpfel beseitigt werden. Nicht unbedingt sofort, aber spätestens nach dem Ausritt.

Radfahrer müssen beachten:

  • Nicht auf ausgewiesenen Reitwegen fahren.
  • Der Mindestabstand zum Pferd beim Überholen beträgt 1,50 Meter. Empfohlen sind zwei Meter.
  • Kann der Radfahrer den Sicherheitsabstand nicht einhalten, weil der Weg zu schmal ist, muss er warten, bis er überholen kann. Alternativ kann er den Reiter ansprechen und fragen, ob er überholen darf. Er hat jedoch eine Sorgfaltspflicht, auch wenn er überholt, nachdem er dies mündlich angekündigt oder geklingelt hat.
Dossier Radler vs Reiter
Dariusz Kopestynski, Draco77, Comauthor – stock.adobe.com
Die Straßenverkehrsordnung regelt, dass alle Verkehrsteilnehmer mit einem Abstand von mindestens 1,5 Meternüberholen. Empfohlen sind zwei Meter.

CAVALLO-Überhol-Experiment: "Ich kenne mich doch mit Pferden aus!"

Halten Fahrradfahrer ausreichend Abstand zu Reitern oder liefern sie wirklich oft Grund für Ärger? Wir haben uns an den Wegrand gestellt und kontrolliert, wie viele Radler-Reiter-Begegnungen das Potenzial für Unfälle hätten.

Wenn Radfahrer zu dicht am Pferd vorbeirauschen, sind Reiter sauer – und im schlimmsten Fall müssen sie ihr erschrockenes Tier beruhigen. Sind solche Situationen eher eine Ausnahme oder passieren sie in schöner Regelmäßigkeit? CAVALLO rückt zum Experiment aus:

Wir befinden uns auf einer Teilstrecke des Neckartalradwegs, die über einen Feldweg führt, den auch Autos befahren und Reiter nutzen dürfen. Eine dreiköpfige Reitergruppe, die wir für unser Experiment organisiert haben, wird auf diesem Abschnitt des Wegs entlangreiten – wie es sich gehört, am äußeren rechten Straßenrand. Unser Versuchsaufbau zeigt, dass der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand, den andere Verkehrsteilnehmer zu Reitern einhalten sollen, rein optisch ziemlich mickrig ausfällt: Wir markieren mit einem Kreidestrich den Mindestabstand von 1,50 Metern zum stehenden Pferd und ziehen daneben eine zweite Linie, die den empfohlenen Abstand von zwei Metern markiert – das sieht schon besser aus. Während Redakteurin Nadine Szymanski die Striche auf den Boden malt, zischt der erste Radler an ihr vorbei. Mindestabstand? Nicht eingehalten. Allerdings bleibt dem Mann auf dem Rennrad nicht viel Platz zum Überholen. "Er hätte ja wenigstens langsam vorbeifahren können", kommentiert eine Reiterin das Erlebnis stirnrunzelnd.

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Julia Waldenmaier/JW Fotografie
Unser Versuchsaufbau: Wir haben den Mindestabstand und den empfohlenen Abstand zwischen Radler und Reiter auf dem Weg mit Kreide markiert.

Unser Experiment startet: Eine Stunde lang protokollieren wir, was auf dem Weg passiert. Wie viele Radler halten genug Abstand und wie viele nicht? Der erste Fahrradfahrer radelt gemütlich im großen Bogen um die Reiter herum. Als wir ihn freundlich ansprechen, hält er an. Ob er er immer so vorsichtig sei, wenn er Reitern begegne, möchten wir wissen. "Ja klar, ich halte immer Abstand und fahre langsam vorbei. Bisher hatte ich keinen Streit mit Reitern. Dann habe ich mich wohl anständig benommen", sagt er lachend. Das komplette Gegenteil ist Radler Nummer zwei. Der Rennradfahrer zieht direkt am Hinterteil des hinteren Pferds der Gruppe vorbei – und ist über alle Berge.

Jemanden zu stoppen, der auf einem Rennrad vorbeiflitzt, ist der Redakteurin auch nach einer Stunde nicht gelungen. Die meisten der Radler, die uns begegnen, sind übrigens männlich und sportlich oder zur Arbeit unterwegs. Die einzige Dame auf dem Fahrrad ist gemeinsam mit zwei Männern auf gemütlicher Ausflugstour.

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Julia Waldenmaier/JW Fotografie
Nicht alle Fahrradfahrer überholen so großzügig wie hier.

15 Fahrradfahrer überholen unsere Reitergruppe innerhalb dieses Zeitraums. Zehn von ihnen halten den empfohlenen Abstand von zwei Metern zu den Reitern ein, fünf unterschreiten beim Überholen die 1,50-Meter-Marke. Ein Mittelmaß zwischen beiden Radler-Gruppen scheint es nicht zu geben: Während manche unbeeindruckt vorbeirauschen, ist die überwiegende Zahl der Radfahrer auffällig vorsichtig. Von denen, die den Abstand nicht eingehalten haben, konnten wir nur einen anhalten. Der Mann fährt gemütlich und in aller Seelenruhe dicht hinter den Pferden vorbei. "Sie haben keine Angst, oder?", fragt die CAVALLO-Redakteurin. "Nein", antwortet er selbstsicher, "ich hatte früher selbst Pferde und kenne mich aus. Die Pferde sind ja ganz ruhig und die Reiterinnen haben die im Griff. Da mache ich mir keine Sorgen."

Fazit des Überhol-Experiments: Zwei Drittel der Radfahrer unserer Stichprobe verhielten sich vorbildlich und überholten großzügig und im langsamen Tempo. Bei einem Drittel wiederum hätte es leicht zu einem Unfall kommen können – weil die Radfahrer selbst auf dem breiten Weg zu dicht an den Pferden vorbeifuhren.

Im Dialog: "Darf ich klingeln oder wollt ihr das gar nicht?"

Im Verlagshaus von CAVALLO arbeiten radfahrende und reitende Journalisten unter einem Dach. CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski und Christian Brunker aus der Redaktion ROADBIKE nutzen die Gelegenheit zum Austausch.

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Julia Waldenmaier/JW Fotografie
Nadine Szymanski, CAVALLO-Redakteurin, reitet mit ihrem Pferd regelmäßig aus.

Nadine Szymanski: Wir sind beide viel in der Natur unterwegs – du auf dem Rad, ich auf dem Pferd. Wir Reiter und Radler begegnen uns also regelmäßig. Hast du mit uns schon mal blöde Erfahrungen gemacht?

Christian Brunker: So richtig blöd eigentlich nur einmal. Ich kam von hinten und habe eine Frau überholt, die ein Pferd geführt hat. Ich war echt langsam und hatte geklingelt, trotzdem erschreckte sich das Pferd und ist durchgegangen.

Hast du mit der Frau darüber sprechen können, was passiert ist und warum es so gelaufen ist?

Nein. Sie ist ihrem Pferd hinterhergelaufen und war nicht mehr so gut auf mich zu sprechen, glaube ich.

Ups, so hätte ich wohl ehrlich gesagt auch spontan reagiert. Aber wahrscheinlich würdest du schon gerne wissen, wie du dich richtig verhältst, wenn du ein Pferd überholen möchtest?

Mich würde vor allem interessieren, wie ich mich bemerkbar machen soll, wenn ich von hinten komme. Soll ich klingeln oder ist es vielleicht besser zu rufen?

Das mit dem Klingeln ist wirklich schwierig. Wenn du plötzlich dicht hinter dem Pferd klingelst, zucke wahrscheinlich sogar ich vor Schreck zusammen. Besser ist es, schon von Weitem zu klingeln. Oder eben zu rufen.

Dossier Radler vs Reiter
privat
Christian Brunker, Redakteur bei ROADBIKE, fährt gerne Rennrad.

Schon klar. Dann musst du mir als Reiter aber auch signalisieren, dass du mich gehört hast. Sonst bleibt mir ja nichts anderes übrig, als laufend weiterzuklingeln oder zu rufen. Und was soll ich denn rufen? Reicht "Achtung!" oder besser "Achtung, Fahrrad!"?

Du hast recht, dann sollte ich ein Handzeichen geben und dir damit zeigen, dass ich dich bemerkt habe und du überholen kannst. Am besten rufst du "Achtung, Fahrrad!". Dann wüsste ich gleich, dass da jemand kommt, der etwas schneller unterwegs ist.

Wenn du weißt, dass ich hinter dir bin, heißt das aber noch nicht, dass dein Pferd mich auch schon bemerkt hat.

Wenn mein Pferd vor sich hinträumt oder hinter seinem Pferdekumpel hertrottet, kann das schon mal passieren. Aber dann muss ich mein Pferd auf dich aufmerksam machen, indem ich es zum Beispiel kurz anhalte und zurückschauen lasse.

Und wenn ich einer Gruppe von Reitern begegne, die größtenteils aus Kindern besteht? In der Regel ist der erfahrene Reiter ja vorne und führt die Gruppe an. Der hört mich vielleicht gar nicht.

Es wird von den Reiterverbänden empfohlen, dass eine erfahrene Person am Schluss reitet, die von hinten alles im Blick hat. Ich persönlich habe allerdings noch keinen geführten Wanderritt mitgemacht, bei dem das so war. Das müsste in der Praxis öfter beherzigt werden.

Und in welchem Tempo soll ich Reiter überholen? Muss es Schritt-Tempo sein?

Das kommt darauf an, wie eng der Weg ist und mit wieviel Abstand du vorbeifahren kannst. Wenn du nicht viel Platz hast, am besten im Schritt-Tempo, aber wenn du einen weiten Bogen fahren kannst, darfst du ruhig etwas zügiger fahren. Nur nicht plötzlich hinterm Pferd abbremsen, dass die Steine nur so wegspritzen.

Das sollte ja selbstverständlich sein. Wenn ich ein Pferd sehe, fahre ich genauso vorsichtig vorbei wie bei einem Kind oder einem Hund. Ich muss ja damit rechnen, dass mir das Kind oder ein Tier vors Fahrrad laufen kann. Ich nutze eigentlich immer die ganze Wegbreite aus, um einen möglichst großen Bogen zu machen.

Weißt du, welchen Sicherheitsabstand du zum Pferd einhalten musst?

Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich vermute, genauso viel wie zwischen Rad und Auto?

Richtig, das sind 1,50 Meter mindestens, besser zwei Meter.

Macht es einen Unterschied, ob ein Pferd geführt wird? Ist es dann einfacher zu händeln?

Einfacher zu händeln nicht. Ich kann ein Pferd, das ich führe, nicht halten, wenn es sich erschrickt und wegrennen will. Da habe ich im Sattel mehr Einflussmöglichkeiten. Aber ich könnte vielleicht vom Pferd fallen.

Stimmt, das sehe ich ein.

Eine Frage habe ich noch. Kollegen von dir finden es nicht so toll, wenn sie um Pferdeäpfel herumfahren oder sogar durchfahren müssen. Stört dich das auch?

Ich denke doch, dass man nicht aus Versehen über einen Haufen Pferdeäpfel fährt. Aber ich bin mit meinem Rennrad auch nicht auf schmalen Waldpfaden unterwegs. Das betrifft wohl eher die Mountainbiker.

Also steigen wir Reiter nach Möglichkeit ab und kicken die Äpfel an den Wegrand, dann freuen sich auch die Fußgänger. Wir sollten wohl alle ein bisschen mehr Rücksicht aufeinander nehmen und mehr miteinander reden. Ich kann jedenfalls deine Sichtweise als Radfahrer jetzt besser verstehen.

Geht mir genauso!

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