Fein am Pferd: Wie beeinflusst die Gerte den Reitersitz?

Eine Frage - drei Experten
Wie beeinflusst die Gerte den Reitersitz?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 24.03.2026
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Nahaufnahme auf die Reiterhand mit Gertenführung
Foto: Rädlein

Das sagt die Sitzexpertin zur richtigen Gertenführung

Die Gerte bietet die Möglichkeit, das Pferd positiv zu motivieren – wenn sie korrekt eingesetzt wird. Trotzdem rate ich meinen Schülern, die Gerte auch mal wegzulegen, denn sie schränkt die Beweglichkeit im Handgelenk und in der Hand stark ein. Für eine konstante, federnde Verbindung zum Pferdemaul muss der Arm im Schultergelenk nach außen gedreht werden; so kommen die kleinen Finger näher zusammen sein als die Daumen. Nur in dieser Position ist der Ellenbogen (mit Ober- und Unterarm) voll beweglich. Kippt die Zügelfaust dagegen nach innen, startet ein Beugemuster im Arm. Dadurch geht die Stabilität im Schultergürtel verloren und das Gleichgewicht wird gestört. Die Führung einer Gerte erzwingt genau dieses Kippen. Um der drohenden Instabilität entgegenzuwirken, müssen Reiter zumindest den Oberarm nach außen drehen. Diese Bewegung erzeugt gegenläufige Bewegungsmuster, die das Handgelenk unweigerlich unter Spannung setzten. Sie wird noch erhöht, wenn man die Gerte mit fest angedrücktem Daumen am Rutschen zu hindern versucht. Hier könnte es helfen, die Gerte genau im Schwerpunkt zu fassen (dafür muss sie oben weit genug herausschauen) und so locker wie möglich mit Ringfinger und kleinem Finger festzuhalten. Idealerweise liegt die Gerte mit leichtem Druck am Oberschenkel des Reiters an. Sie verläuft schräg nach hinten und ihr Ende zeigt auf den Bereich hinter dem Reiterschenkel.

Isabelle von Neumann-Cosel im Porträt
Isabelle von Neumann-Cosel
Die Expertin

Das sagt die Ausbilderin zu feinen Gertenhilfen

Die Gerte in der Hand stört, wenn sie in der falschen Position getragen wird. Viele Reiter halten sie auf Höhe der Hüfte schräg nach unten laufend. Um die Gerte dort festzuhalten, verkrampfen sie in der Hand. Richtig ist es so: Wenn ich die Zügelfaust schließe und die Gerte hindurchlaufen lasse, positioniert sich die Gerte am Oberschenkel und hängt passiv nach unten. Der korrekte Impuls mit der Gerte entsteht, indem ich das Handgelenk aus der Normalposition ein wenig mit den Fingernägeln nach unten drehe. So tippe ich die Gerte auf den Oberschenkel und ihr Ende landet genau da, wo es hin soll: als treibender Impuls hinter dem Schenkel anstatt auf der Kruppe. Ein weiterer Fehler, der häufig passiert: Drücke ich den Daumen auf den Gertenknauf, stelle ich meine Zügelfaust fest. Um die Gerte wirklich entspannt in der Hand halten zu können, darf der Griff nicht zu dick sein. Außerdem sollte er zur Hand passen. Das gilt auch für ergonomische Griffe.

CAVALLO Eine Frage, drei Experten - Schuhe und Sitz, Claudia Butry
Claudia Butry
Die Expertin

Das sagt die Physiotherapeutin zum Einfluss der Gerte auf den Reitersitz

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Viel wichtiger ist zunächst eine andere: Warum benutze ich überhaupt eine Gerte? In meiner Arbeit erlebe ich häufig, dass die Gerte aus Hilflosigkeit eingesetzt wird. Das ist menschlich – aber kein guter Grund für ihren Gebrauch. Dann lohnt es sich, innezuhalten und sich zu fragen: Welche Möglichkeiten habe ich noch? Was sendet mein Körper tatsächlich aus? Sitze ich vielleicht schief und mein Pferd bricht über eine Schulter aus? Oder sitze ich hinter der Bewegung und bremse damit unbewusst die Vorwärtsenergie? Die Gerte sollte kein Ersatz für fehlende Klarheit oder Koordination sein. Mit zunehmender Körperwahrnehmung lässt sich das Pferd über Sitz, Atmung und innere Zentrierung mit immer feineren Hilfen reiten. Wird die Gerte dennoch eingesetzt, kann sie den Sitz deutlich beeinflussen: Häufig versteifen sich Handgelenk, Unterarm oder Schulter, feine Paraden werden erschwert und die Verbindung zum Pferdemaul verliert an Elastizität. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Wahl der Gerte. Sie sollte so lang sein, dass der Reiter nicht mit dem Arm ausholen oder seinen Oberkörper verändern muss, um zu touchieren. Geht es nur um eine unterstützende Einwirkung im Schulterbereich, kann eine kurze Gerte ausreichen und stört den Sitz am wenigsten.

Frauke Behrens im Porträt
Frauke Behrens
Die Expertin