„Meine Stute ist beim Reiten auf der Flucht“ Lisa Rädlein

CAVALLO-Coach

„Meine Stute ist beim Reiten auf der Flucht“

Die Stute von Claudia Swoboda rennt unterm Sattel davon oder blockiert, ihre Besitzerin ist verzweifelt. Wir bitten Pferdetrainerin Carolin Hilger um Hilfe.

Diese wunderschöne Stute mit dem sanften Blick soll ein Problempferd sein? Fragend schauen wir der langbeinigen Braunen in ihr zartes Gesicht. Freundlich begrüßt Texalee die kleine Besucherschar an der Boxentüre. Gemeinsam mit Pferdetrainerin Carolin Hilger sind wir in ihre Heimat östlich von München gefahren. Die CAVALLO-Fotografin ist schockverliebt, Redakteurin und Expertin schwer entzückt.

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„Meine Stute ist beim Reiten auf der Flucht“
Lisa Rädlein
Mit Ruhe und Geduld schafft sie es schließlich, dass Texalee den Kopf senkt.

Seit dem Probereiten ein Albtraum

„Schaut, sie hat richtige Sorgenfalten über den Augen.“Die Besitzerin der Stute holt uns zurück in die Wirklichkeit. Claudia Swoboda kaufte Texalee vor zweieinhalb Jahren bei einem Händler. Seitdem durchlebt sie einen mittleren Albtraum.

„Beim Probereiten lief alles prima. Texalee war zwar sensibel und temperamentvoll, aber das machte mir nichts aus“, erzählt die erfahrene Reiterin. Zu Hause tauchten jedoch schnell Probleme auf. Texalee ist unterm Sattel entweder wie auf der Flucht oder sie stoppt aus heiterem Himmel. Dann blockiert sie völlig und ist nicht mehr kontrollierbar. Im schlimmsten Fall steigt sie oder kickt nach hinten aus. „Wir haben keinerlei Fortschritte gemacht“, meint Claudia Swoboda. „Sie ist höchstens im Umgang entspannter geworden.“

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Wie gut liegt das Gebiss? Pferdetrainerin Carolin Hilger kontrolliert, ob genug Platz im Maul ist.

Gesundheitlich von oben bis unten durchgecheckt

Dabei hat die Leserin eine Odyssee mit Trainern und Therapeuten durchlaufen. Die Stute wurde gesundheitlich von oben bis unten durchgecheckt und hatte schon einige Ausbilder auf ihrem Rücken. „Alle waren der Meinung, Texalee wäre extrem schwierig. Manche fanden sie dominant, andere sagten mir, sie sei kein Pferd für einen Amateur“, schildert Swoboda verzweifelt. Sie glaubt aber, ihr Pferd meint es nicht böse, sondern hat einfach nur schreckliche Angst.

Etwas Böses können wir an der Stute wirklich nicht finden.Brav schlendert sie mit ihrer Besitzerin zum Putzplatz. Trainerin Carolin Hilger tastet die Stute vorsichtig ab. Am Genick ist Texalee empfindlich und in der Gurtlage zieht sie den Bauch ein. Am Rücken entdeckt Hilger eine feste Stelle. Sie streicht die Stute mit den Händen sanft vom Hals bis zur Kruppe ab. „Das ist gut für die Durchblutung und hilft vor allem, Stress abzubauen und zu entspannen“, erklärt sie.

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Bei der Handarbeit überprüft die Trainerin, wie gut die Stute reagiert.

Schon das Satteln findet Texalee unangenehm

Beim Satteln zieht Texalee die Nüstern Kraus und schlägt mit dem Schweif. Der Sattel wurde gerade vom Sattler gecheckt. „Optimal liegt er aber nicht“, stellt Carolin Hilger fest. „Das müsste sich noch mal ein Fachmann anschauen.“

Auch das Trensen braucht Geduld. „Ich habe viel mit ihr geübt, bis sie gelernt hat, den Hals zu senken. Früher hat sie den Kopf hochgerissen und ich kam gar nicht an sie ran“, erzählt Claudia Swoboda. Die Trainerin schaut, ob das Gebiss richtig im Maul liegt. „Da ist nicht viel Platz für ein Gebiss, aber es ist okay so“, stellt sie fest.

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Unter dem Sattel hat Texalee permanent Stress.

Texalee ist nicht mit der Aufmerksamkeit bei der Reiterin

Weil es seit Stunden wie aus Kübeln gießt, sind wir dem Reitclub Haselbach e.V. dankbar, dass er uns ein Dach über dem Kopf gibt. Carolin Hilger nimmt die Stute an die Hand, damit sie sie besser kennenlernen und ihre Reaktionen einschätzen kann. Zunächst führt sie Texalee am losen Zügel. Die Stute soll dabei ihr Tempo an das der Trainerin anpassen.

Texalee ist abgelenkt. „Sie ist immer woanders, aber nicht bei mir“, erkennt Hilger. Ihre Lösung: Wenn die Stute etwas Spannendes entdeckt hat, spricht sie sie an und zupft notfalls leicht am Zügel, um ihre Aufmerksamkeit wiederzuerlangen. Das hilft. Texalee entspannt und konzentriert sich wieder auf die Trainerin.

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Ein schöner Moment: Die Reiterin kann loslassen.

Druck findet die Stute doof

Carolin Hilger nimmt die Zügel für die Handarbeit auf. „Oh, das ist ihr deutlich unangenehmer“, bemerkt die Trainerin. Sie will überprüfen, wie die Stute den Zügel annimmt, wie gut sie sich stellen lässt und wie nachgiebig sie im Genick ist. „Druck gefällt ihr nicht, aber ganz ohne geht es leider nicht“, erklärt Hilger.

„Ich muss versuchen, den nötigen Druck auf kleine Portionen zu verteilen, indem ich immer wieder anfrage und gleich wieder nachgebe.“ Sobald sie spürt, dass es Texalee zu viel wird, macht sie eine Pause. So kann die Stute sich wieder entspannen.

Unruhig mit Reiter im Sattel

Die Trainerin ahnt, warum die Stute beim Reiten Probleme macht. Texalee hat Angst vor dem Zügel und fürchtet sich vermutlich generell vor Druck. „Ich bin jedoch sicher, dass es nicht die Schuld ihrer Besitzerin ist. Dieses Pferd wurde wahrscheinlich schon viel früher zu stark unter Druck gesetzt. Schauen wir uns die Stute nun unter dem Sattel an“, schlägt Hilger vor.

Übung für die Reiterin

Besitzerin Claudia Swoboda steigt in den Sattel. Texalee wirkt unruhig. Ihr Schritt ist hektisch. „Halte mit den Zügeln gleichmäßig Kontakt und gehe sanft mit der Bewegung mit“, rät die Trainerin.

Nach ein paar Runden gibt sie beiden eine Aufgabe: „Pariere immer mal wieder aus dem Sitz heraus ins Halten durch. Vergiss nicht, dabei auszuatmen und danach sofort die Zügel überzustreichen.“ Texalee lässt sich durchparieren, möchte aber sofort wieder losgehen.

Die Stute ist noch sehr angespannt. Nach ein paar Übungen fällt ihr das Warten leichter. Texalee soll lernen, dass ihr nichts passiert, wenn ihr eine Aufgabe gestellt wird. „Sie hat ständig Angst, dass gleich etwas Schlimmes kommt“, findet Carolin Hilger.

Tolle Bewegung, aber keine Entspannung

Als Claudia Swoboda ihr Pferd antrabt, fallen uns fast die Augen aus. Die schicke Braune hat einfach wahnsinnige Bewegungen. Doch sie eilt davon, kann den Hals nicht fallen lassen und drückt den Unterhals heraus.

Plötzlich stoppt sie. „Du darfst sie jetzt nicht mit drückenden Schenkeln weiterzwingen“, rät Carolin Hilger. „Stell dir vor, du trabst an. Versuche die kleinen Bewegungen, die deine Hüfte dann macht, nachzumachen. Gib notfalls einen leichten Impuls mit den Schenkeln. Und gehe mit der Hand vor.“

Texalee trabt wieder an und steppt mit Riesentritten durch die Halle.

Balancezügel helfen, aber Texalee bleibt gestresst

Carolin Hilger legt der Stute einen Führstrick um den Hals, dessen Enden sie zusammenknotet. Das Ergebnis ist ein provisorischer Balancezügel. Claudia Swoboda soll den Strick mit in die Zügelfäuste nehmen und lose festhalten. Wird Texalee zu eilig, kann ihre Reiterin sie zuerst mit dem Strick bremsen und nur wenn nötig mit den Zügeln.

Das funktioniert, aber Texalee bleibt gestresst. „Das sitzt sehr tief bei ihr“, bemerkt Hilger. „Wenn die Stute den Stress gar nicht mehr erträgt, blockiert sie. Sie wird weiterhin viel Zeit und Geduld brauchen, um zu lernen, dass ihr nichts passiert und ihre negative Erwartungshaltung abzulegen.“

Erste Aufgabe: Pferd ausbalancieren

Als Claudia Swoboda wieder von ihrem Pferd steigt, ist sie den Tränen nahe. Die Trainerin muss sie beruhigen. „Es liegt wirklich nicht an dir“, erklärt sie. Doch was könnte der Stute helfen?

Zunächst ist es wichtig, sich um Texalees körperliche Probleme zu kümmern. Der Stute fällt es schwer, sich unter dem Reiter auszubalancieren. Das verunsichert sie zusätzlich. Hilger rät deshalb, Texalee nach Michael Geitners Trainingsmethode Equikinetic auf der Quadratvolte zu longieren.

Von vorne anfangen, Pferd fit bekommen

Außerdem muss das Training überdacht werden: „Dass Texalee früher sofort Druck bekam, wenn sie blockiert, ist kontraproduktiv“, erklärt die Trainerin. „Diese Erwartungshaltung müssen wir durchbrechen.“ Ans Reiten sei erst wieder zu denken, wenn die Stute körperlich fitter ist und der Sattel noch einmal genau überprüft wurde. „Und dann ist es extrem wichtig, ganz klein wieder anzufangen“, betont Hilger.

Claudia Swoboda sollte anfangs hauptsächlich ins Gelände reiten, weil Texalee dort entspannter ist. Dort kann sie vorsichtig üben, die Zügel aufzunehmen und Übergänge zu reiten. Auf dem Platz oder in der Halle sollte sie zunächst nur am langen Zügel Schritt reiten, ohne etwas zu verlangen und ganz bewusst ohne jeglichen Druck. „Dieses Programm wird langsam gesteigert, aber erst, wenn die Stute völlig ruhig und entspannt ist“, rät die Trainerin.

„Meine Stute ist beim Reiten auf der Flucht“
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Die Expertin Carolin Hilger ist Pferdetrainerin und Pferdewissenschaftlerin. Im Raum München und Umgebung bietet sie Unterricht und Beritt mit Schwerpunkt klassischer Dressur an. www.carolinhilger.de

Ist gebisslose Zäumung die Lösung

Möglicherweise könnte es Texalee auch helfen, wenn sie zunächst eine gebisslose Zäumung trägt. „Oder wir probieren einen Kappzaum, den wir mit Gebiss kombinieren“, überlegt Carolin Hilger. „Aber das Wichtigste überhaupt ist, dass Texalee so viel Zeit bekommt, wie sie braucht.“

Claudia Swoboda nickt. „Ich hoffe, wir kriegen das hin. Texalee ist doch so ein liebes Pferd.“ Ja, das ist sie. Wir verlassen Texalees Besitzerin mit dem sicheren Gefühl: Bei ihr ist die schöne Stute gut aufgehoben.

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