Sturz-Kurs: Wie Reiter richtig vom Pferd fallen
So fallen Reiter sicher vom Pferd

Jeder Reiter landet mal unfreiwillig im Sand. Wie man sicher fällt, zeigt Stuntman Bertrand Triguer mit dem einzigartigen Simulator "Tornado" beim CAVALLO-Kurs.

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Foto: Maja Claussen

"Bin ich wahnsinnig? Entsetzen macht sich breit, als das schwarze Pferd langsam loslegt, immer schneller wird und sich dann mit einem Ruck fast überschlägt. Mit diesem Kunststoff-Katapult auf vier Beinen sollen sich die zehn Teilnehmer eines ganz besonderen Sturzseminars auf die Turnmatte schleudern lassen. Nicht alle halten das für eine gute Idee.

Auf dem Hahnenhof in Pulheim bei Köln wird Stuntman Bertrand Triguer seinen einzigartigen Sturzsimulator erstmals auf deutschem Boden einsetzen. Er nennt ihn liebevoll "Tornado. CAVALLO stellte den französischen Showreiter und sein künstliches Pferd im Mai 2011 vor – und initiierte nun den Fallkurs.

Weitere Adressen für Fallkurse:

• Ausbildungszentrum Eulenmühle, Wiltrud Heine, www.eulenmuehle.de, Tel. 0173-2365927
• Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), Philine Ganders-Meyer, pganders@fn-dokr.de
• Manuka Schneider, www.bewusst-reiten.de, Tel. 089-84039887

Die Angst vor dem Sturz

Triguer lässt seinen Simulator "Tornado" einige Testläufe absolvieren. Der schwarze Koloss ist zwar nur ein Sturzsimulator auf Schienen. Doch lebensgroß, gesattelt und gezäumt wirkt er ziemlich bedrohlich. Etliche Kursteilnehmer werden blass, und ihre weit geöffneten Augen sprechen Bände: "Da sollen wir draufsteigen? Dazu kann uns aber keiner zwingen, richtig?, flüstert eine Reiterin.

Bertrand Triguer kennt solche Fragen, fast alle seiner Seminare beginnen damit. Er reagiert mit einer Gegenfrage: "Und wenn Sie auf Ihr Pferd steigen? Da setzen Sie sich doch genau dieser Gefahr täglich aus, ohne dass Sie darüber nachdenken. Sein Konzept "Equichute (Equus = lat. Pferd, Chute = franz. Sturz) soll Reitern klar machen, welche Gefahren ihr Sport mit sich bringt und wie sie sich bestmöglich schützen. "Ich bin als Stuntman ausgebildet, zu fallen. Ich habe eine andere Wahrnehmung meines Körpers im Raum als normale Reiter. Doch jeder kann das lernen, wenn er will, sagt Triguer.

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Maja Claussen
Vom Purzelbaum über das seitliche Abrollen bis zum energischen Sprung auf die Matte – Bertrand Triguer erklärt den Teilnehmern die richtige Sturz-Technik.

Auch Profis haben Angst vor dem Sturz

Der Schlüssel zum Erfolg beim sicheren Fallen vom Pferd sind die körpereigenen Reflexe. "Es ist verrückt: Selbst Jockeys, die jeden Tag mit einem tödlichen Sturz rechnen müssten, reagieren nicht, wenn sie fallen, meint der Stuntman. In diesem Moment raubt ihnen Angst die Kontrolle über ihren Körper und lähmt sie.

Den Grund sieht der sturzerprobte Triguer darin, dass das Thema verdrängt wird. Der Sturz sei unter Reitern ein Tabu, beim Turnier führe er zum Ausschluss. Also wollten Reiter oft um jeden Preis oben bleiben. Ein riskanter Irrtum, meint Triguer.

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Vom Purzelbaum über das seitliche Abrollen bis zum energischen Sprung auf die Matte – Bertrand Triguer erklärt den Teilnehmern die richtige Sturz-Technik.

Hände weg – Richtig abrollen

Reiter sitzen sicherer im Sattel, wenn sie wissen, wie sie in einer brenzligen Situation schnell vom Pferd wegkommen und ihr Gehirn an die richtigen Abläufe gewöhnt ist.

Die optimale Technik des Fallens üben die Reiter beim Kurs erst am Boden. Dabei beruhigen sich die Gemüter, auch wenn die skeptischen Teilnehmer den ersten Anweisungen zum Abrollen auf einer dicken Matte noch sehr zögerlich folgen. Langsam, schwunglos und mit aufgesetzten Händen purzeln alle über die blau-rote Unterlage.

Denn die Rolle ist schwerer als gedacht. Selbst der sehr sportliche Show- und Working-Equitation-Reiter Philipp Renker purzelt beim ersten Versuch neben die Matte und verliert in der Drehung völlig die Orientierung. Andere rollen zwar geradeaus,aber auch ihre ersten Versuche wirken oft unkoordiniert. Während die Teilnehmer sich wundern, schmunzelt Triguer. Er hat genau dieses Ergebnis erwartet und beruhigt die Zwei er: "Das ist normal am Anfang. Sie müssen erst ein Gefühl dafür entwickeln, wo Ihr Körper ist und was mit ihm passiert. Nur dann können Sie richtig handeln.

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Guter Flug: Philipp Renker hat seine Reflexe nach einigen Übungen umgemodelt. Als Plastikpferd Tornado ihn abwirft, nimmt er nur einen Arm vor, dreht die Schulter seitlich ein und rollt so ab, dass er am Ende neben der Falllinie des Pferds liegt.

Die Fallrichtung steuern

Um korrekt abzurollen, sollen die Kursteilnehmer nun die Hände nicht mehr aufsetzen und mit etwas Schwung über die Schulter kugeln. Es gilt, möglichst kurze Berührungen mit dem Boden zu haben und über Körperspannung jeden Augenblick der Drehung aktiv wahrzunehmen, statt sich nur passiv mitnehmen zu lassen. Mit etwas Übung lernt jeder Teilnehmer, wie der Trick mit der Rolle funktioniert und er seine Bewegungsrichtung gezielt steuert.

Nach einer Pause, in der das Gehirn die geübten Abläufe speichern kann, folgt die nächste Hürde. Jetzt sollen die Teilnehmer über eine Schaumstoffrolle auf die Matte springen. Hier zeigt sich, dass die Bewegung umso schwieriger wird, je mehr Schwung in die Sache kommt – eine wichtige Erfahrung, bevor es aufs Pferde-Katapult geht.

Jetzt ist Tornado dran. Triguer ist überzeugt, dass sein Simulator mehr bewirkt als die einfachen Mattenübungen bei einem herkömmlichen Sturztraining: "Der Simulator hilft Reitern, die eigenen Selbstverteidigungsmechanismen zu aktivieren und abzuspeichern. Dies geschieht durch Wiederholen einer Übung. Sein patentiertes Trainingsross simuliert dabei den schlimmsten möglichen Sturz: über Kopf mit Überschlag. Kommt der Reiter nicht schnell genug aus der Gefahrenzone, landet er unterm Pferd.

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Beim ersten Versuch reißt Philipp Renker seine Arme noch schützend nach vorn.

Geschulte Reflexe schützen beim Fall

Die erste Teilnehmerin steigt aufs Katapult. Sie hat sich freiwillig gemeldet. "Ich hab‘ so viel Angst, dass ich verrückt würde, wenn ich jetzt noch warten müsste, sagt sie. "Guck immer geradeaus, rät Triguer. Dann wird es still. Tornado setzt sich gemächlich in Bewegung, zieht plötzlich an und klappt dann nach vorne. Seine Reiterin wird mit Schwung auf die Matte katapultiert. "Das ist gar nicht schlimm, meint sie lachend.

Tornado überrumpelt jeden einzelnen Teilnehmer

Die Erleichterung bei den anderen ist groß. Nun traut sich jeder an das schwarze Ross. Der erste Sturz kommt für alle Teilnehmer überraschend, keiner reagiert richtig. Obwohl alle wissen, was sie erwartet, überrumpelt Tornado sie ebenso wie ein realer Sturz vom echten Pferd. Dieses Überraschungsmoment nutzt sich auch bei den nächsten Runden nicht ab. Jeder Sturz kommt plötzlich, egal, wie häufig geprobt wurde.

Was sich verändert, ist die Reaktion der Reiter. Triguer hat damit sein Ziel erreicht und seinen Schülern durch geschulte Reflexe mehr Zeit für Entscheidungen im Fall des Falles gegeben. Und das oft schneller als erwartet: Philipp Renker, der am Anfang so große Probleme mit dem Abrollen hatte, ist nun der Erste, der sich gekonnt über die Seite aus der Gefahrenzone entfernt.

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Der richtige Dreh: Bertrand Triguer zeigt einer Teilnehmerin, wie sie für eine gute Rolle Arm und Schultern richtig bewegt.

Gute Reiter fallen nicht besser

Die Stimmung wird immer lockerer, und es kommt Bewegung in die Gruppe. Die Teilnehmer tauschen sich aus und schauen sich an, wie die anderen mit der Situation umgehen. Im Gespräch und während des Wartens auf den nächsten Sturz hat jeder genügend Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Ein sehr effektiver und gleichzeitig angenehmer Weg, die komplexen Abläufe zu verinnerlichen. Er nutzt sicher mehr, als wenn ein einzelner Reiter in kurzer Zeit einfach immer wieder auf den Simulator steigt.

Wer gut reitet, fällt nicht besser vom Pferd

Der Kurs zeigt zudem ganz deutlich, dass Gewicht, Alter und Reiterfahrung bei der Umsetzung der Übungen keine Rolle spielen. Es kommt vielmehr darauf an, wie schnell der Einzelne seine Angst in den Griff bekommt. Denn diese lähmt real stürzende Reiter ebenso wie die Teilnehmer zu Beginn des Kurses. Am Ende ist alles anders: "Meine Reflexe haben sich verändert. Das Seminar hat mir wirklich etwas gebracht. Ich fühle mich sehr viel sicherer und glaube, dass ich in einer schwierigen Situation jetzt anders reagieren kann, sagt eine Teilnehmerin.

Alle sind überzeugt: Dieses Training gehört in die Ausbildung jedes Reiters. Sie nehmen die Erkenntnis mit nach Hause, dass Sicherheit beim Reiten weit über Helm und Weste hinausgeht.

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Der richtige Dreh: Bertrand Triguer zeigt einer Teilnehmerin, wie sie für eine gute Rolle Arm und Schultern richtig bewegt.
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