5 Pferde-Macken vom Experten erklärt

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Foto: Rädlein Vorsicht Gift: Darauf sollten Sie im Stall und bei der Ausrüstung achten

Müsli-Eimer - Nicht nur ein Objekt der Begierde

Beschreibung: Futtereimer und Müslischalen eignen sich hervorragend als Spielzeug. Viele Pferde drehen die Schalen um, um dann vom Boden zu fressen. Eine andere Variante ist, nach dem Fressen in den Rand der Schüssel zu beißen oder ihn anzuknabbern.

Das sagen unsere Experten: „Dass Pferde ihre Futterschalen umwerfen, um dann alles vom Boden zu fressen, kommt dem natürlichen Verhalten nahe. So können Pferde ganz einfach viel besser auswählen, was ihnen schmeckt“, darauf weist Dr. Konstanze Krüger hin. Einige Pferde mögen es auch einfach nicht, den Kopf beim Fressen in eine Schüssel oder Eimer zu stecken, weil dadurch ihr Gesichtsfeld eingeengt wird. Diese Macke lässt sich also mit dem ganz natürlichen Fressverhalten erklären.

Beim Knabbern oder Beißen in den Schalenrand sollten Sie allerdings genauer hinschauen. Ist es ein genießerisches Anknabbern, dann möchte Ihr Pferd vermutlich nur nachkosten. Eine leere Futterschüssel hat allerdings nicht nur etwas mit Genuss zu tun, erklärt Vivian Gabor: „Wenn zum Beispiel Kraftfutter in Schüsseln gefüttert wird, sind Pferde darauf sehr fixiert. Kraftfutter hat einen hohen Zuckeranteil, das ist ein Highlight. Wenn die Schüssel leer ist, geraten einige Tiere in Stress, den sie durch Schlecken und Knabbern abbauen.“ Ihr Rat: Überlegen Sie sich, ob Extrarationen bei einem gesunden Pferd tatsächlich sinnvoll sind. Braucht es das wirklich, oder füttern Sie vielleicht auch, damit es Ihnen besser geht?

Zunge raus - Manchmal ist auch die Mama schuld

Beschreibung: Zungenspiel bei Pferden gibt es in allen erdenklichen Varianten. Bei manchen Pferden bleibt es bei einem vorsichtigen Rausstrecken der Zungenspitze, andere beschäftigen sich stundenlang mit immer neuen Verdrehern.

Das sagen unsere Experten: „Zungenspiel ist genauso wie das Koppen ein ganz klassisches Beispiel für eine Stereotypie, also eine Verhaltensanomalie“, lautet die Einschätzung von Konstanze Krüger. Solche Anomalien können unspezifische Auslöser haben wie Überlastung im Training oder Mängel in der Haltung. Stereotypien können auch durch spezielle Trigger ausgelöst werden – wie das Anknabbern von Stangen durch Geräusche, die mit der Fütterung verbunden sind.

Für Ralf Heil kann Zungenspiel zum Beispiel eine Reaktion darauf sein, dass das Pferd mit seinem Boxennachbar nicht klarkommt. Es reagiert mit dem Zungenspiel auf den Stress in seinem Umfeld. „Da in einer Box der vorhandene Platz oft deutlich kleiner ist als die Individualdistanz, die das einzelne Pferd benötigt, kann es in solchen Fällen zu einem permanent hohen Stresslevel kommen, den das Pferd versucht so abzubauen.“

Es gibt für diese Verhaltensauffälligkeit auch eine harmlose Erklärung, darauf weist Konstanze Krüger hin: „Wir wissen, dass Fohlen das Spielen mit der Zunge von der Mutter übernehmen können. Im Fall dieser sogenannten ,social fascilisation‘ ist das für junge Pferde dann zeitlebens ein ganz normales, weil von der Mutter übernommenes Verhalten. In diesem Fall sollte man es am besten akzeptieren.“

Meistens aber wurde das Spielen mit der Zunge nicht von anderen Pferden oder der Mutter abgeschaut. Hier sollten Sie genau hinschauen, ob eventuell die Grundbedürfnisse des Pferds nicht hinreichend abgedeckt sind.

Fressen im Liegen - Energiesparen lautet die Devise

Beschreibung: Pferde können sehr kreativ sein, wenn es darum geht, den Weg zwischen Maul und Futter zu verkürzen. Manche Pferde bewerkstelligen waghalsige Stunts, um an das vermeintlich saftigere Gras auf der Nachbarweide zu gelangen; einige robben sogar liegend unter dem Zaun hindurch.

Das sagen unsere Experten: Wie bei allen Marotten gibt es auch hier keine einheitliche Erklärung. Ganz wichtig ist zu unterscheiden, ob in dem konkreten Fall ein gesundes und entspanntes Pferd eine solche Fresshaltung freiwillig einnimmt, um so besser an Futter zu gelangen, oder ob körperliche Beschwerden der Grund dafür sind. Grundsätzlich gibt ein gesundes Pferd seine natürliche Fresshaltung nur selten auf. Auf allen vier Hufen stehend ist es am besten jederzeit bereit zur Flucht. Im Umkehrschluss heißt das: Legt sich ein Pferd beim Fressen hin, fühlt es sich in seiner Umgebung sehr sicher.

Eine solche Fress-Macke entspricht tatsächlich nicht dem natürlichen Verhalten von Pferden, lautet auch die Einschätzung von Vivian Gabor. „Pferde, die solch ungewöhnliche Fresshaltungen einnehmen, haben sich selbst konditioniert und dabei gelernt: So komme ich einfach besser an das viel saftigere Gras beim Nachbarn.“ Ihr Rat lautet: „Wenn der Kandidat nicht zu gefährlichen Manövern neigt, dann lassen Sie ihn einfach ausprobieren.“

Gähnen - Auch kleine Zeichen sind wichtig

Beschreibung: Pferde tun es in den verschiedensten Situationen, allein oder miteinander. Und manche Pferde finden anscheinend auch ihre Reiter zum Gähnen. Was ist davon zu halten, wenn Pferde gähnen, sobald sich Menschen ihnen nähern?

Das sagen unsere Experten: Gähnen kann ganz verschiedene Ursachen haben, stellen unsere Experten übereinstimmend fest. Mit Gähnen bauen Pferde Frust und Stress ab, es kann auf gesundheitliche Probleme hindeuten (siehe CAVALLO 07/2017), aber auch ein Zeichen sein, dass das Pferd mental etwas Neues verarbeitet hat. Um den Auslösern für dieses Verhalten auf die Spur zu kommen ät Ralf Heil, auf den Ausdruck des Pferds zu achten. Also wie ist das Minenspiel der Augen und der Ohren, ist das Pferd angespannt?

„Gähnt ein Pferd, wenn sich jemand nähert, handelt es sich vermutlich um eine Übersprungshandlung. Viele Pferde brauchen einen Wohlfühl-Radius, in dem sie sich sicher fühlen. Unterschreitet der Mensch diesen Radius, kann Gähnen eine Reaktion darauf sein. Sie sollten diese Reaktion auf jeden Fall ernst nehmen“, erklärt Ralf Heil. Sein Rat: „Testen Sie einfach mal: Gehen Sie einen Schritt zurück und beobachten Ihr Pferd, ob es sich dann wieder entspannt.“

Auch Verhaltensforscherin Konstanze Krüger erklärt diesen „Tick“ mit einer Übersprungshandlung. Nähert sich der Mensch dem Pferd in der Box oder auf der Weide, kann das für manche Pferde ein Gefühl der Unsicherheit auslösen. Sie sind unsicher, was als Nächstes passiert und wie sie reagieren sollen. Das Gähnen ist in diesem Fall ein Ventil für die innere Unruhe des Pferds.

„Gähnen ist zumeist eine ganz spontane Reaktion. Bei vielen Übersprungshandlungen gibt es nicht unbedingt logische Verknüpfungen mit ihrem Auslöser“, weiß Konstanze Krüger. Sie empfiehlt selbst aktiv zu werden: Gestalten Sie den Kontakt positiv und machen Sie dem Pferd ein Angebot, bei dem es sich wohlfühlt. Das kann ein Kraulen am Kopf sein, aber auch eine schöne Trainingseinheit, die dem Pferd Spaß macht.

Vorderbein-Gymnastik - Oder die Lust auf ein Abenteuer

Beschreibung: Eine Situation, die Pferdebesitzern oft einen gehörigen Schreck einjagt: Das Pferd steht seelenruhig auf dem Paddock, das Vorderbein entspannt zwischen zwei Paddockstangen verkeilt. Genauso entspannt entwirren sich diese Kandidaten dann auch wieder – mit mehr oder weniger Gepolter.

Das sagen unsere Experten: „Dahinter steckt meistens der natürliche Spieltrieb des Pferds, möglicherweise ist ihm aber auch etwas langweilig“, lautet die Erklärung von Ralf Heil. Vor allem left-brain Pferde, also selbstsichere und ruhige Pferdetypen, blieben in solchen Situationen entspannt. Weil sie ja genau wüssten, wie es zurück geht. Er empfiehlt: Fordern Sie solche Pferde am besten mit mentalem Training. Dadurch werden sie auch geistig besser ausgelastet.

Konstanze Krüger erklärt diese Marotte mit dem natürlichen Verhalten. „Pferde benutzen ihre Hufe, um zum Beispiel Eis aufzubrechen oder Steine aus dem Weg zu räumen. Dahinter steckt meistens Neugierde und die Lust, etwas Neues auszuprobieren.“
Mehr zu dieser Fotostrecke: Pferde-Macken: Wann werden sie zum Problem?