4 Irrtümer übers Pferdeverhalten

Irrtum 3: Ein ruhiges Pferd ist auch entspannt

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Ruhig stehen, Hinterhuf entlasten oder gähnen – das tun nur entspannte Pferde? Von wegen! Unter Umständen können diese Gesten beim Pferd großen Stress anzeigen.

Längst nicht immer werden Pferde unruhig, wenn sie Stress haben. „Wie die Tiere mit Stress umgehen, ist sehr individuell“, sagt Pferdewissenschaftlerin Dr. Vivian Gabor.

Wer ruhig steht, muss längst nicht immer ruhig sein

Neben Pferden, die ihre Anspannung eher nach außen tragen oder erstarrt stehen bleiben, gibt es auch solche, die auf den ersten Blick entspannt wirken, obwohl sie innerlich sehr aufgeregt sind.

Diese Pferde werden wissenschaftlich als „passive Bewältiger“ bezeichnet. Grund für ihr Verhalten ist oft, dass sie durch ständige Überreizung abgestumpft sind. „Sie haben sich über einen längeren Zeitraum an die Situation gewöhnt und sind habituiert“, erklärt Dr. Gabor.

Scheinbare Ruhe unter Stress kann auch auf erlernte Hilflosigkeit und Depressionen hindeuten. Kleine Signale machen deutlich, wie es einem Pferd wirklich geht: „Achten Sie auf Falten um die Augen und Nüstern. Sind diese zu erkennen, ist das ein Anzeichen für Anspannung“, sagt Gabor.

Ein angewinkteltes Hinterbein zeigt nicht immer Entspannung

Andrea Kutsch weist darauf hin, dass sich diese Haltung auch bei Pferden in angespannten Situationen beobachten lässt und dann eine erhöhte Fluchtbereitschaft signalisiert.

„Viele Menschen deuten diese Geste fälschlicherweise als Entspannungszeichen und sind überrascht, wenn es plötzlich zu einer Abwehrreaktion kommt. Ein angewinkeltes Hinterbein sollte deshalb nicht isoliert vom Rest des Körpers betrachtet werden“, meint die Expertin für wissenschaftlich basierte Pferdekommunikation.

Gähnt ein Pferd im Training ist es in der Regel nicht müde

„Gerade beim Reiten handelt es sich häufig um eine Übersprungshandlung, die Stressabbau signalisiert“, erklärt Gabor. Befindet sich ein Pferd zwischen zwei Antrieben, kann es zum Beispiel nicht fliehen, obwohl es gerne würde, ist diese Geste zu beobachten. Sie kann aber auch auf Schmerzen hindeuten, vor allem wenn sie beim Putzen oder im Training häufig auftritt.

Fazit

Nicht jedes ruhige Pferd ist entspannt. Gerade in schwierigen oder fürs Pferd neuen Situationen müssen Reiter besonders auf kleine Änderungen in Mimik und Gestik achten und diese mit Blick auf die Pferdepersönlichkeit deuten. Denn selbst typische Entspannungszeichen wie ein entlastetes Hinterbein sind keine verlässlichen Indikatoren für Ruhe.

31.10.2018
Autor: Katharina Burmester
© CAVALLO
Ausgabe 10/2018