cav_News_Branche_0608_Hyperflexion. Internationale Reitervereinigung kritisiert die Rollkur Rädlein

Neue Studie zur Rollkur liefert alarmierende Ergebnisse

Jetzt wird es richtig eng

Ein neues Endoskop erlaubt den Blick in Pferderachen. Was der Spion meldet, sollte jeden alarmieren - und dem Schönreden der Rollkur ein Ende setzen.

Tierarzt Ulf-Michael Stumpe spreizt mit zwei Fingern die rechte Nüster und schiebt einen dünnen schwarzen Stab hinein. Der Wallach schaut irritiert, bleibt aber ruhig stehen. „Das ist eine Videokamera, ein Endoskop“, erklärt der 29-Jährige.

„Die Aufnahme wird per Funk auf meinen Laptop übertragen. Während das Pferd longiert oder geritten wird, kann ich so den Rachenraum und den Kehlkopf untersuchen.“ Dieses Endoskop ist neu: Bisher konnten die Atemwege nur im Stand oder auf dem Laufband untersucht werden, weil die Untersuchungsgeräte so groß waren, dass sie neben dem Pferd stehen mussten.

Zusammen mit der Firma Videomed GmbH aus München entwickelte Stumpe ein handlicheres Gerät: Die Erfindung besteht nur aus einem kleinen schwarzen Kasten, der an einem Kappzaum befestigt wird, einer Kamera und einer Satteltasche, in der sich die Technik für die Funkübertragung befindet.

Das Endoskop wird bereits in der Praxis eingesetzt (siehe Kasten Seite 61) und auf dem brandenburgischen Haupt- und Landgestüt in Neustadt an der Dosse verwendet, um neue Erkenntnisse aus dem Pferderachen zu bekommen.

Forscher des dort ansässigen für Pferdewissenschaften nutzen das Gerät, um die Auswirkungen der Rollkur zu untersuchen - jener Trainingsmethode, die auch „Hyperflexion“ genannt wird, und bei der Reiter Pferden den Kopf auf die Brust ziehen.

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Die Atemwege verengen sich

Immer mit dabei: Hendrik Falk, Sattelmeister und Leiter der Neustädter Reitschule. Er hatte ein Auge auf seine vierbeinigen Schützlinge und beriet die Forscher rund um die Ausbildung. Jedes Pferd wurde erst 11 Minuten mit langen Ausbindern longiert. Danach verkürzte Tierärztin und Institutsmitarbeiterin Dr. Mareike Becker-Birk die Ausbinder.

CAV Rollkur Studie Neustadt-Dosse_01
Wehnert
Tierarzt Ulf-Michel Stumpe justiert das Endoskop am Pferd.
CAV Rollkur Studie Neustadt-Dosse_05
Stumpe, FU Berlin
Bei der natürlichen Haltung sind Kehlkopf und Rachen rosa.

Jedes Pferd wurde weitere 14 Minuten mit engem Hals im Schritt, Trab und Galopp an der Longe gearbeitet. Auf dem Laptop sieht Ulf-Michael Stumpe sofort, wie sich der Kehlkopf und Rachen in der Hyperflexion verändern. Durch das Aufrollen des Halses stauen sich im Ganaschenbereich Fettgewebe und Muskulatur.“

Wie sich dieser Engpass aufs Pferd auswirkt, ist reine Physik: Nach dem Strömungsgesetz von Hagen-Poisseuille vermindert jede noch so kleine Verengung im Nasenrachen die Luftzufuhr hoch vier. Die Atemwege verengten sich Stumpe versucht zu veranschaulichen, wie es dem Pferd dabei geht: „Nehmen Sie ein Röhrchen mit einem Durchmesser von drei Zentimetern in den Mund und laufen einen 100-Meter-Lauf. Sie werden schnell außer Puste sein und nach Luft japsen.“

CAV Rollkur Studie Neustadt-Dosse_04
Stumpe, FU Berlin
Beim aufgerollten Hals entstehen Blutungen.

Die Engstelle in der Kehle kann zu Rittigkeitsproblemen führen, glaubt Stumpe. „Das Tier versucht, den Kopf nach vorne zu strecken. Verhindern das starke Hände oder Ausbinder, spannt es die Muskeln im Rachen- und Kehlkopfbereich an.“

Damit versucht das Pferd, die Atemwege wieder zu weiten. Diese Verspannung überträgt sich auf den ganzen Körper. Bei einem Testpferd trat sogar ein wenig Blut aus der Schleimhaut. Stumpe weiß noch nicht, warum die feinen Blutgefäße platzten.

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Der Druck im Rachen steigt

Tierarzt Ulf-Michael Stumpe hat zwei Vermutungen: „Vielleicht durch die veränderten Druckverhältnisse im Nasenrachen. Oder durch gestaute Venen, die durch die extreme Halshaltung abgedrückt werden, während die Arterien weiter Druck aufbauen.“

Armgard von der Wense stand während des Longierens in der Zikelmitte und fotografiert die Tiere mit einer Wärmebildkamera, welche die gemessene Infrarotabstrahlung in ein buntes Bild umwandelt. Da jedes Pferd ein anderes Wärmemuster hat - vergleichbar mit einem Fingerabdruck - filmte von der Wense die Pferde erst mit langen Ausbindern, dann mit kurzen, um die Bilder vergleichen zu können. „Rote Stellen auf der Wärmebildkamera bedeuten, dass das Gewebe stark durchblutet und erwärmt wird“, erklärt von der Wense.

Blaue Bereiche deuten hingegen auf einen verminderten Stoffwechsel und eine geringere Muskelaktivität hin. Noch haben die Wissenschaftler vom Graf-Lehndorff-Institut nicht alle Bilder ausgewertet.

Für CAVALLO suchten Armgard von der Wense und Mareike Becker-Birck jedoch vier Aufnahmen eines Pferds aus (siehe unten), das einmal lang und einmal kurz ausgebunden longiert wird. Auf ihnen sind unterschiedliche Wärmemuster zu erkennen. Auffällig auf den Thermografiebildern ist der Ganaschenbereich, wo sich die Ohrspeicheldrüse befindet.

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Dr. Ulf-Michael Stumpen überprüft die Belastung der Pferde.
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Die Durchblutung verändert sich

„Die Drüse wird durchs Kauen angeregt, Speichel zu produzieren und läuft bei entspannten Pferden auf Hochtour“, erklärt der Tierarzt und Biomechanik-Experte Dr. Gerd Heuschmann aus Warendorf auf eine Anfrage von CAVALLO.

Auch das Farbmuster am Hals verändert sich abhängig von der Kopf-Hals-Position: In der natürlichen Haltung strahlt das Gewebe mehr Wärme ab als in der Hyperflexion. Auffällig ist im Galopp ein roter Fleck eine Handbreit hinter den Ohren. Heuschmann vermutet, dass an dieser Stelle das kurze Kopf-Hals-Muskelsystem verkrampft und es dadurch zu einer vermehrten Wärmeabstrahlung kommt.

CAV Rollkur Thermografie Neustadt-Dosse
von der Wense
Schritt: In der natürlichen Haltung (links oben) ist das Gewebe im Ganaschenbereicht aktiver als in der Hyperflexion (rechts oben). Galopp: In natürlicher Haltung (links unten) sind die Flanken kühler als beim aufgerollten Pferd (rechts unten).

Ebenfalls auf den Bildern zu erkennen: Im Galopp ist der Rumpf in der natürlichen Haltung gelb-grün; beim engen Pferd rot. „Durch das Aufrollen des Halses werden Rücken und Kreuzbein angehoben, das Becken streckt sich und die Hinterbeine treten nicht mehr unter“, so Heuschmann. „Die Bauchmuskeln versuchen das zu kompensieren, indem sie dagegen halten. Per Hand beigezäumte Pferde müssen außerdem den langen Rückenmuskel anspannen, um den Menschen tragen zu können.“

Ist der Muskel fest, läuft das Pferd nicht mehr taktrein und losgelassen. Wie stark die Pferde in Neustadt den Rückenmuskel in der Hyperflexion anspannen, ist auf den Thermografiebildern nicht zu erkennen. „Dazu müsste ich den Rücken von oben fotografieren, und das ist beim Longieren nicht möglich“, sagt Armgard von der Wense. Außerdem erfasst die Thermografie nur die oberflächliche Wärmeabstrahlung und sagt nichts über die Durchblutung in der Tiefe der Muskulatur.

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Aufrollen verspannt den Pferderücken

Um herauszufinden, wie gestresst die Pferde an der Longe waren, zeichneten Alice Schmidt und Manuela Wulf, beides wissenschaftliche Assistentinnen am Institut, zusätzlich die Herzfrequenz während des Longierens auf und nahmen regelmäßig Speichelproben, um die Konzentration des Stresshormons Kortisol zu messen.

Auch diese Daten sind noch nicht vollständig ausgewertet und interpretiert. Bei engen Pferden steigt der Puls Es sieht jedoch so aus, als ob eng ausgebundene Pferde unabhängig von Gangart und Tempo einen höhere Herzfrequenz haben als vor der Senkrechten ausgebundene Pferde. Dies spricht klar für eine vermehrte Belastung.

„Beim Longieren in Hyperflexionshaltung werden verschiedene Organsysteme der Pferde stärker belastet als bei einer physiologischen Kopf-Hals-Haltung. In einer tiergerechten Ausbildung sollten solche unphysiologischen Belastungen keinen Platz haben“, sagt Professor Christine Aurich, wissenschaftliche Leiterin des .

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Mobile Endoskopie wird möglich

Zwei Kliniken haben bereits das Gerät und bieten Untersuchungen des Kehlkopfs und Nasenrachens an: die Freie Universität in Berlin und die Ludwig-Maximilians-Universität in München. Solch eine Endoskopie kann beim Longieren oder Reiten durchgeführt werden und dauert ungefähr eine halbe Stunde. Das Pferd muss dazu in eine der beiden Kliniken gebracht werden.

Ansprechpartner:
An der Berliner Klinik führt Tierarzt Ulf-Michael Stumpe (Mobil 0178 - 8540957); in München Professor Heidrun Gehlen (Tel.089-21803747).

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