Abreiteplatz beim „Turnier der Sieger“ in Münster Michael Lemmerhirt

Abreiteplätze bei Großturnieren

Wie gut passen die Stewards auf?

Vor einem Jahr sorgten Bilder vom Abreiteplatz beim CHIO in Aachen für Aufregung. Wurde in dieser Saison mehr fürs Wohl der Pferde getan? CAVALLO beobachtete das Abreiten bei zwei großen Turnieren.

Was war im Jahr zuvor los? Im Zentrum der Kritik stand das „Weltfest des Pferdesports“, der CHIO in Aachen. Eine Ausstellerin postete Nahaufnahmen von Pferden mit aufgerissenen Mäulern – und löste eine Diskussion in den sozialen Medien aus.

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Abreiteplatz beim CHIO in Aachen
Abreiteplätze auf Turnieren Stewards, Stress und gute Szenen
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Kritikwelle nach dem CHIO in Aachen 2018

Ebenfalls am Abreiteplatz stand der Westdeutsche Rundfunk (WDR). Fast sechs Stunden lang filmte das Team am Abreiteplatz, wie sich die Reiter auf den Grand Prix Spécial vorbereiteten. Pferdewissenschaftlerin Dr. Kathrin Kienapfel von der Ruhr-Universität Bochum wertete das Material später aus. Das Ergebnis: Im Schnitt zeigten die Pferde 100 Unmutsäußerungen innerhalb von drei Minuten (CAVALLO berichtete über die Studie in Heft 01/2019).

Die Stewards haben zu selten eingegriffen. Das sagte auch die FN nach ihrer Auswertung des Filmmaterials. Waren die Stewards in diesem Jahr präsenter? Hat sich der Reitstil nach der Kritikwelle verändert? Und wirken Bemühungen, die es schon länger gibt, wie der „Champion of Honour“- Preis für harmonisches Abreiten? Eine Bestandsaufnahme.

Wie gut passen die Stewards auf?

Abreiteplatz beim „Turnier der Sieger“ in Münster
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Welche neuen Maßnahmen gab es, was tut sich?

Harmonie-Preis beim „Turnier der Sieger“ , Alena Brandt: Harmonie und Fairness gegenüber dem Pferd belohnen – das ist die Idee der „Meggle Champion of Honour“-Serie, die es seit 2015 gibt. Auf sechs Turnieren in Deutschland, darunter auch beim „Turnier der Sieger“, können Grand-Prix-Reiter für diesen Ehrenpreis Punkte sammeln. Die Leistung im Dressurviereck spielt dabei keine Rolle.

Ein Gremium aus Richtern, Stewards und Ausbildern beobachtet hier, wie fein die Dressurcracks abseits der Prüfung reiten und wie sie mit ihren Pferden umgehen. Die Idee dahinter: Fair zum Pferd sein soll sich lohnen. Der Erstplatzierte der Gesamtwertung erhält 7000 Euro, der Zweitplatzierte 4000 und der Drittplatzierte 2000 Euro.

Bisherige „Champions of Honour“ in der Gesamtwertung: Dressurreiterin Victoria Michalke (2018), Olympiasiegerin Dorothee Schneider (2017 und 2016) und Reitmeister Hubertus Schmidt (2015).

Stewards beim CHIO, Jeannette Aretz: Neu war in Aachen, dass die Aufsicht am Abreiteplatz (Stewards) durch Westen mit Schriftzug gut erkennbar war. Neben dem Abreiteplatz war ein Zelt („FEI Steward“) aufgebaut, Besucher sollten so anscheinend besser mit den Stewards ins Gespräch kommen. Im Zelt waren zwei Vertreter der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) für Gespräche anzutreffen, obwohl das CHIO ein internationales Turnier ist. Es fällt damit unter das Reglement der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI).

Das Engagement der FN könnte darauf hindeuten, dass sich der Verband Sorgen um die öffentliche Wahrnehmung des Reitsports macht. Mit dem Belgier Jacques van Daele als Chefsteward der Dressur setzte die FEI einen Mann ein, der es versteht, mit allen im Gespräch zu bleiben. Vor der Veranstaltung gab es ein Treffen von Aktiven und Stewards dazu, „wie man negative Presse vermeiden kann“, erzählte van Daele.

Abreiteplatz beim „Turnier der Sieger“ in Münster
Michael Lemmerhirt
Turnier der Sieger in Münster: CAVALLO-Autorin Alena Brandt im Gespräch mit der Jury. Sie durfte einen Blick auf die Bewertungsbögen werfen.

Bringt das etwas? Ist das gut umgesetzt?

Bewertung Harmonie-Champion, Alena Brandt: In Münster sitzt ein Bewertungs-Gremium für den „Champion of Honour“-Preis aus Richter, Pferdewirtschaftsmeister und Steward gut sichtbar an einem Tisch am Abreiteplatz. Das ist ein positives Signal: Die Reiter wissen, dass sie beobachtet werden. Zuschauer erkennen die Ansprechpartner, falls sie grobes Reiten melden möchten. Auch dafür ist die Jury da. Ich erkundige mich am Jurytisch, nach welchen Kriterien der „Champion of Honour“ gekürt wird. „Wir beurteilen, ob regelkonform mit Lösungsphase, Arbeitsphase und Entspannungsphase geritten wird“, antwortet Pferdewirtschaftsmeister Fabian Scholz aus Warendorf, der mit Richter Hans Tegelmann und Steward Clemens Brüggemann in Münster das Gremium bildet.

Die drei Herren lassen einen Blick auf ihre Bewertungsbögen zu. Darin tragen sie Schulnoten von eins bis sechs für folgende Kriterien ein: Fairness, unsichtbare Einwirkung, Erscheinungsbild/Ausstrahlung/Auftritt, Umgang mit dem Pferd außerhalb der Prüfung, Kollegialität, Gesamtharmonie.

Bei einer Reiterin (Jil-Marielle Becks, später in der Prüfung Zweitplatzierte), die mir negativ aufgefallen ist, sehe ich auf einem Bogen für jeden Punkt eine Zwei eingetragen, also eine gute Leistung. Ich bin irritiert: Auf meinem Notizblock steht zu der Reiterin: reitet Pferd durchgehend sehr eng, Pferd hebt teils als Abwehrreaktion auf die Schenkelhilfe den Po, gestresstes Pferdeauge, Reiterin wirkt angespannt. Ich spreche die Richter darauf an, dass mich die guten Noten überraschen. „Uns ist die Reiterin durch einen sehr harmonischen Sitz aufgefallen“, lautet die Antwort. Fakt ist: ein „harmonischer Sitz“ ist wünschenswert, aber feines Reiten resultiert daraus nicht automatisch. Die Reiterin landet beim Grand Prix auf dem zweiten Platz. Wird sie am Ende auch beim „Champion of Honour“ geehrt? Ist doch eher die Leistung im Viereck für die Vergabe entscheidend? Ist es nicht.

Die Verkündung des Ehrenpreises findet bei der Siegerehrung statt. „Champion of Honour“ beim Grand Prix in Münster wird Charlott-Maria Schürmann mit dem 16-jährigen Hengst Burlington FRH. Verdient! Das Team trat vorbildlich auf dem Abreiteplatz auf.

Auch Hubertus Schmidt im Sattel des neunjährigen Bon Amour präsentierte sich mustergültig. Der Reitmeister gehörte zu den wenigen Reitern auf dem Abreiteplatz, die ihr Pferd die gesamte Zeit mit der Stirn-Nasen-Linie vor der Senkrechten ritten, er lobte, achtete auf Pausen am langen Zügel und blieb auch souverän, als das Pferd kurz nervös wurde. Ich hatte Schmidt bereits am frühen Morgen in der Arena mit seinem Pferd beim Warm-up beobachtet, als weder Zuschauer noch Jury vor Ort waren – auch da zeigte sich das harmonische Bild.

Aufsicht beim CHIO, Jeannette Aretz: Das Steward-Zelt wurde von den Zuschauern unterschiedlich gewertet – viel Lob („fühle mich ernstgenommen“) und Kritik („keine befriedigenden Antworten“).

Meine Beobachtungen: Die Stewards griffen nur ein, wenn extrem grob gegen das Pferd gearbeitet wurde. Starke Spannung, auch über eine komplette Trainingseinheit, wurde genauso toleriert wie häufige Sporenpikserei und grobe Handeinwirkung. Chefsteward van Daele erzählte, dass er einige Reiter dezent angesprochen hätte und diese danach tatsächlich feiner ritten. Auf weniger öffentlichen Plätzen des Turniers schauen die Stewards dagegen zu, ohne einzugreifen: Hier reitet während des Morgentrainings US-Vielseitigkeitsreiterin Caroline Martin auf Dressurkandare allein in der Halle. Über die Kandare hat sie zum englischen Reithalfter zusätzlich ein Bügelreithalfter geschnallt. Dieser Sperrriemen sitzt ähnlich wie ein Hannoveranisches Reithalfter (Bild C). In der Dressur ist derlei auf Kandare verboten.

Als ich die Stewards später darauf hinweise, sprechen sie Reiterin und Traineran, man lässt sich die Zäumung nochmals vorführen. Die Stewards schlagen im Reglement nach und stellen fest, dass diese Zäumung erlaubt ist. Jürgen Petershagen, Chef-Steward der Vielseitigkeit, sagt, „es sei zu überlegen, ob man solch eine Zäumung sehen möchte“. Er wird nach der Veranstaltung in seinem Steward-Report vermerken, dass es diese Ausrüstung gab und von der FEI die Antwort erhalten, dass sie hier „weiter recherchieren“ werden. Auf die Zäumung angesprochen, sagt der Trainer, dass sie den Druck besser verteile. Damit konfrontiert, dass der Schimmel in seiner Dressurprüfung häufig sperrte und dass es offensichtlich sei, warum er zu solchen Mitteln greife, wiederholt der Trainer seine Begründung nur.

Abreiteplatz beim „Turnier der Sieger“ in Münster
Michael Lemmerhirt
Turnier der Sieger: Für Jil-Marielle Becks standen gute Noten auf den Bögen.

Wie wurde geritten?

Kaum lösen beim Turnier der Sieger, Alena Brandt: 15 Reiter starteten beim Grand Prix. Ich beobachtete die gesamte Vorbereitungszeit. In dreieinhalb Stunden sah ich aber von allen Reitern zusammen keine dreieinhalb Minuten lang Pferde in korrekter Dehnungshaltung. Dabei ist das doch essentieller Bestandteil einer Lösungsphase, die Pferde gesund erhält und physisch auf Höchstleistungen, wie sie in einer S-Dressur verlangt werden, vorbereitet.

Es gab Phasen, in denen Reiter am langen Zügel geritten sind. Das war aber eher zu Beginn, wenn sie in die Bahn kamen. Insgesamt war die Aufwärmphase bei allen Reitern knapp bemessen. Nach einer kurzen Schrittphase versammelten die meisten Reiter ihre Pferde direkt.

Brutale Szenen habe ich nicht gesehen. Die Zäumung war stets korrekt. Trotzdem: Statt Harmonie zeigt sich vor allem das Bild von angespannten, zu eng gerittenen Pferden. Die Folge: offene Mäuler, peitschende Schweife.

An den Grand Prix schließt eine Prüfung für vierjährige Deutsche Reitpferde an. Hier beobachte ich ein ähnliches Bild wie vorm Grand Prix: keine Brutalo-Reiter, aber viele angespannte Pferde. Und Reiter, die sich scheinbar nicht trauen, die Zügel aus der Hand kauen zu lassen. 15 Minuten vor Prüfungsbeginn ist der Abreiteplatz voll. Der Richtertisch von der Prüfung zuvor ist jedoch abgebaut. Ich bin irritiert. Wird nur Wert gelegt auf die Kontrolle von pferdegerechtem Abreiten, wenn dafür ein Preis vergeben wird?

Ich möchte mich versichern, ob wirklich kein Richter da ist und erkundige mich bei ein paar Turnierhelfern. Sie schauen sich gegenseitig fragend an. „Da ist jetzt wohl keiner da“, antworten sie.

Die Idee, faires Reiten zu belohnen, ist gut. Schade, dass dies nur in einzelnen Prüfungen getan wird und in anderen gar keine Aufsicht am Abreiteplatz ist. Wer stets auf Turnieren unterwegs ist, mag froh sein, vergleichsweise pferdefreundliche Ritte zu sehen. Mich hingegen haben die Bilder vom Abreiteplatz traurig gestimmt.

Abreiteplatz beim CHIO in Aachen
CAVALLO
CHIO in Achen: Neue Maßnahme: Die FEI-Stewards beim CHIO waren durch Westen gut erkennbar.

Große Spannweite beim CHIO

Jeannette Aretz: Am Freitagmorgen ist auf dem Abreiteplatz von schönen Szenen bis zu unharmonischen Ritten alles dabei. Positiv fällt mir zum Beispiel Sönke Rothenberger auf: Er wirkt fein ein, das Ohrenspiel seines Wallachs Cosmo ist aufmerksam und er kaut auf gute Art, nicht hektisch. Der Reiter fragt zum Beispiel mal die Piaffe ab, danach lässt er sein Pferd am langen Zügel Schritt gehen. Ein Beispiel für schönes Arbeiten war auch Therese Nilshagen mit Dante Weltino. Sie startete für Schweden, arbeitet in Deutschland. Vorbildlich: Die Reiterhand war nie rückwirkend, das Pferd stets von hinten nach vorn geritten.

Gleichzeitig gab es unschöne Ritte zu sehen: Grobe Handeinwirkung, Sporen im Pferd, unzufriedene Pferdegesichter, zu viel Spannung, Stress. Und das nicht vereinzelt. Ein Beispiel dafür war Helen Langehanenberg, die harsch mit der Hand einwirkte, häufig mit dem Sporn im Pferd war. Es war keine kurze Diskussion mit dem Pferd, sondern dieser Stil zog sich durch die gesamte Vorbereitung. Nur am Schluss zeigt sie eine lehrbuchreife Dehnungshaltung.

Die Stewards waren permanent anwesend, Chef Jacques van Daele und eine Kollegin. Ein Mal ging die Kollegin flotten Schritts zu einem Trainer und sprach diesen an. Ansonsten schauten die Stewards zu, ohne einzuschreiten. Das Gesehene scheint in der FEI-Sportreiterei zur Zeit akzeptiert.

Das CAVALLO-Fazit:

Es ist noch viel zu tun! Die Ansätze auf beiden Turnieren waren gut: Ein hoch dotierter Preis für feines Abreiten genauso wie vermehrte Präsenz von gut erkennbaren Stewards. Das Aufsichtspersonal war aufgeschlossen und reagierte auf unsere Nachfragen. Damit die Maßnahmen besser fruchten, müsste aber noch mehr Umdenken stattfinden. Befeuert werden könnte dieses durch strengere Regelungen zu Reitweise und Ausrüstung, die unbedingt nötig sind.

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