Traumhaft! Ein Pferd, das von sich aus frisch und freudig vorwärts geht. Ohne zäh zu werden, ohne zappelig davon zu eilen. "Seine Bewegung fließt dann wie Wasser in einem Bach", sagt Klassik-Ausbilder Michael Laussegger aus Wien, "immer weiter sprudelnd voran. Und das ist mehr als angenehm." Auf solchen Pferden ist es für uns Reiter beinahe ein Kinderspiel, schön im Lot zu sitzen. Die Pferde nehmen uns automatisch in der Bewegung mit.

Michael Laussegger lebt mit seiner Frau und drei Pferden in der Nähe von Wien. Als Dressurausbilder ist er international gefragt und kennt keine Scheuklappen. Trotz jahrelanger Lipizzaner-Liebe lehrt er auch Islandpferden oder Kaltblüter, schwingender zu piaffieren. Es liegt ihm am Herzen, sein Wissen an eine Generation jüngerer Ausbilder weiterzugeben - um so noch mehr Reiter erreichen zu können. Mehr Infos unter www.dressur.at
An der Hofreitschule war Gehfreude bei den Pferden "einfach da”
"Das klingt nach Paradies, nicht wahr?", sagt Michael Laussegger. Recht hat er, aber zum Glück weiß er auch, wie man als Reiter dorthin kommen kann. Gelernt hat er das an der Spanischen Hofreitschule in Wien, wo er 13 Jahre unter Brigadier Kurt Albrecht, Wolfgang Eder und Klaus Krzisch als Bereiter im Dienst der Lipizzaner stand. Es waren die 1980-er und frühen 90-er Jahre. Eine Zeit, in der die innere Gehfreude, dieser Fluss nach vorn, wie Laussegger es nennt, in der Wiener Schule bei jedem Pferd "einfach da" war.
"Mit Anfang 20 war es für uns Auszubildende normal, dass die Pferde in Wien frisch vorwärts gingen. Mit mehr Erfahrung und Reife habe ich mir zunehmend Gedanken darüber gemacht und einen Zusammenhang mit der besonderen Ausbildung an der Spanischen Hofreitschule ausgemacht", erzählt Laussegger.
Für den Ausbilder ist die Gehfreude seither das große Grundprinzip der klassischen Reiterei Wiens und ihr größter Schatz. Ohne ein inneres Vorwärtswollen geht in der Pferdeausbildung buchstäblich nichts voran. Der Reiter kann sich im Sattel kaum anderen Themen widmen; er ist vielmehr stets beschäftigt, das Pferd in Gang zu bringen. Und so wirkt alles schwer statt leicht, zäh statt elegant und irgendwie gezwungen. Haben Pferde jedoch diesen inneren Wunsch nach vorne, sorgt die weitere Ausbildung im Idealfall dafür, dass sie immer harmonischer, erhabener und schöner werden.

Reiter Nick Wiedmann aus Göppingen zeigt mit seinem Wallach Fine Black wie man die Bewegung fließen lässt.
Die Vorwärtsidee ist die Basis für Harmonie
Zwischen zu viel Vorwärts und zu wenig liegen oft nur Nuancen. Deshalb ist es wichtig, das Auge zu schulen. Ob ein Pferd klassisch "im Fluss" ist, kann man an seinem Körper ablesen: Das Pferd blickt nach vorn, trägt vielleicht eine leichte Schaumkrone am Maul, die Ganaschenpartie ist weder starr noch steht sie offen, die Ohren sind aufmerksam, eines lauscht möglicherweise zum Reiter. Im Schritt schiebt das Reiterbecken weder sichtbar vor noch zurück. Im Trab bewegen sich das hintere Röhrbein und der diagonale Unterarm des Vorderbeins parallel, der Schweif pendelt locker getragen. Im Galopp sieht der Beobachter eine deutliche Einbeinstütze, und in der Piaffe wird das Vorderbein nicht rückständig unter den Pferdekörper gesetzt. Für Michael Laussegger sind das keine Äußerlichkeiten, es ist sein Herzensthema: "Werden Pferde in ihrer Bewegung so gefördert, dass sie den Reiter mitnehmen, kann dieser im Gleichgewicht sitzen und stört das Pferd nicht. Jedes Mal, wenn der Reitersitz aus dem Lot gerät, muss das Pferd dies mit einem anstrengenden Balanceakt ausgleichen, was der Harmonie und Partnerschaft abträglich ist."
Die Voraussetzung für ein harmonisches Gleichgewicht von Pferd und Reiter ist also die Vorwärtsidee. Laussegger entwickelt sie mit einem urklassischen Ausbildungssystem ohne Schnickschnack. Dabei ist ihm wichtig zu differenzieren: Es geht nicht um ein höheres Tempo, um mehr Schubkraft (da besteht die Gefahr, dass Pferde eher mit den Hinterbeinen nach hinten "rausschaufeln", als unter den Schwerpunkt zu fußen) und auch nicht direkt um Schwung. Fluss nach vorne ist etwas Grundlegenderes, eine Art innere Einstellung. Ein aufgewecktes Nach-vorn-wollen, das man im Alltag je nach Ausbildungsstand des Pferds durch bestimmte Linienführungen und Lektionen neu aus dem Hut zaubern kann. Wir zeigen, wie!

Ein erfahrenes Vorderpferd kann das Jüngere ganz selbstverständlich mit in die Bewegung nehmen.
Grundsatz 1 für mehr Fluss: Keine Hand, kein Bein
"Eine Remontengruppe wie in Wien ist natürlich genial für Jungpferde", findet Michael Laussegger. Beim gemeinsamen Freilauf mit ruhigem Tempo entwickelt sich eine erste Idee des Vorwärts quasi nebenbei.
In der Gruppensituation zieht ein Pferd das andere mit, die Jungpferde lassen mental leichter los, und das lockere Tempo hilft, die Muskulatur zu entspannen. Mehrere Peitschenführer auf der Mittellinie sorgen durch ihre Körpersprache lediglich dafür, dass die Gruppe gleichmäßig ihre Runden trabt (gescheucht wird nie!).
Später, beim Anlongieren und dann unter dem Sattel, wird das bereits bekannte Treiben vom Boden wieder aufgegriffen. "Beim Longieren finde ich es wichtig, dass der Longenführer seine äußere Schulter dem Pferd zudreht. Die Körpersprache signalisiert ihm, dass man auf Höhe seiner Schulter mitgeht. Das hilft ihm, ein gleichmäßiges Grundtempo zu halten."

Jungpferde an der Longe entwickeln mehr Vorwärts, wenn sie gemeinsam mit anderen Pferden in der Bahn sind.
Gerade beim Reiten der jungen Remonten gilt für Laussegger: Keine Hand, kein Bein. Beides könnte den inneren Fluss beim Pferd schnell zum Versiegen bringen. Auf den Hufschlag gewiesen und angefordert werden die Pferde deshalb weiterhin durch den Peitschenführer vom Boden aus. Bei den ersten Reitversuchen kann ein erfahrenes Vorderpferd das jüngere mit in die Bewegung nehmen, während der Helfer am Boden über seine Körper- sprache und vielleicht einer Peitsche das junge Pferd gefühlvoll auf den Hufschlag weist. "Das bewahrt den Reiter davor, bereits selbst einzuwirken. Wodurch das Pferd im schlimmsten Fall pelzig auf das Reiterbein wird", sagt Michael Laussegger.
In diesem Stadium sollte der Reiter nur Passagier sein – ein Gewicht, dass das Pferd auszubalancieren lernt. Dies ist für den Anfang anstrengend genug. "Ideal wäre es, wenn sich der Helfer erst zurückzieht, wenn der Reiter etwa 50 Prozent der Einwirkung sicher alleine leisten kann", so der Dressurausbilder.
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