Wer sein Pferd liebt, der schiebt nicht. Denn der Liege-Schiebe-Sitz, der landauf, landab auf großen Turnierplätzen und in kleinen Reithallen auftaucht, tut den Pferden auf Dauer nichts Gutes. Dem Reiter selbst übrigens auch nicht: Mit einem hinter die Senkrechte zurückgelehnten Oberkörper blockiert der Reiter sein Pferd im Rücken und macht eine korrekte Hilfengebung unmöglich. Nur: Warum hat sich der Schiebesitz in den letzten Jahren so ausgebreitet, welche Folgen hat er für Zwei- wie Vierbeiner – und wie kommt man aus diesem falschen Sitzmuster wieder heraus?
Fangen wir zunächst mal mit dem richtigen Sitz an: Der vermittelt dem Pferd ein gutes Gefühl im Rücken und sei das Ideal der klassischen Reitlehre, betont Michael Putz, ehemaliger Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule. "Der Reiter sollte in der Lage sein, in Bewegung zu sitzen." Dadurch werde das Pferd animiert, vermehrt vorwärts zu gehen, um das gemeinsame Gleichgewicht mit dem Reiter zu halten. Im Schiebesitz mit weit zurückgelehntem Oberkörper passiere das Gegenteil – der Reiter sitzt gegen die Bewegung des Pferdes und blockiert sie. "Wenn der Reiter in Rücklage sitzt, wirkt er mit der Hand unwillkürlich rückwärts ein. Der Schenkel rutscht nach vorne und das Knie klemmt sich hinter eine – häufig – zu große Pausche", erläutert Michael Putz.
Wer nach hinten kippt, blockiert sich im Becken
Weil der Reiter in dieser Position quasi fast liegt und schiebt, wird der Schiebesitz auch als Liege-Schiebe-Sitz bezeichnet, sagt Ausbilderin und Sportwissenschaftlerin Dr. Britta Schöffmann: "Der Reiter sitzt nicht ausbalanciert im Schwerpunkt, sondern versucht das Pferd aus dem Sitz vorwärts zu schieben."
Das stört die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd. Denn: "Der Reiter stellt den lumbosakralen Übergang im Bereich des fünften Lendenwirbels fest und blockiert damit die dreidimensionale Bewegung des Beckens", erklärt Bewegungstrainerin Claudia Butry. Das übe Druck auf die Lendenpartie des Pferds aus, das sich entziehen möchte und sozusagen ins Hohlkreuz geht, so Britta Schöffmann. Das Pferd könne nicht mehr durch den Körper schwingen, der Schub aus der Hinterhand werde nicht mehr von hinten nach vorne entlang der Wirbelsäule weitergegeben. Der Reiter treibt zwar ständig vorwärts, doch das abgekippte Becken und die rückwärts einwirkende Hand bremsen die Bewegung des Pferds.
Das Pferd bekommt also sich widersprechende Hilfen. Kein Wunder, dass viele Tiere ihren Unmut zeigen, indem sie Anlehnungsprobleme entwickeln oder die "Vorderbeine kompensatorisch hochreißen", so Dr. Britta Schöffmann.
Dass sich der Schiebesitz unmittelbar auswirkt, kann Claudia Butry mit einem Beispiel aus ihrem Reitunterricht anschaulich zeigen: "Ein älterer Herr in meinem Kurs, ein guter und routinierter Reiter, hatte sich aufgrund von orthopädischen Problemen und aus Gleichgewichtsgründen einen Schiebesitz angewöhnt. Ich ließ ihn einige Runden im Entlastungssitz galoppieren, das Pferd konnte wieder flüssig über den Rücken schwingen – als hätte jemand die Handbremse gelöst. Dann bat ich ihn, in sein altes Sitzmuster zurückzukehren. Und siehe da: Das Pferd fiel ihm sofort aus", erzählt die Dressurausbilderin.

Diese Reiterin ist korrekt im Lot: Die Linie von den Schultern über das Becken bis zum Fußgelenk ist senkrecht – so, wie es fürs Pferd gesund ist.
Der Schiebesitz kann manchmal auch an unkonkretem Reitunterricht liegen. Anweisungen des Reitlehrers wie "tiefer in den Sattel setzen", "mit dem Gesäß den Sattel auswischen" oder "mach dich schwer" erzeugen oft Missverständnisse. "Wir Reitlehrer müssen auf unsere Wortwahl achten, sonst kreieren wir möglicherweise ein falsches Bild im Kopf des Reiters", sagt Claudia Butry.
Der Schiebesitz vermittelt falsche Sicherheit im Sattel
Innere Bilder können hilfreich, aber auch sehr schädlich sein, wenn sie falsch interpretiert werden. Sie empfiehlt, stattdessen Alternativen zu suchen: "Lieber stellt man sich das Becken als eine mit Wasser gefüllte Schale vor. Durch das Mitgehen in der Bewegung des Pferdes verhindert man, dass Wasser nach hinten oder vorne aus der Schale schwappt."
Wenn der Reiter nach Gleichgewicht und Sicherheit sucht, bringt der Schiebesitz vermeintliche Stabilität, gerade bei sehr ganggewaltigen Pferden. Der Gedanke, mit zurückgelegtem Oberkörper "mehr Kraft aufs Pferd zu übertragen und so eine bessere Einwirkung zu erreichen", sei aber falsch, so Britta Schöffmann. Diesen Denkfehler führt Michael Putz auch auf mangelndes Verständnis der Hilfengebung zurück: "Primär müssen Schenkel- und Zügelhilfen aufeinander abgestimmt werden. Die Gewichtshilfen sind nachgeordnet und kommen nur zum Einsatz, um die Bewegung des Pferds zu unterstützen."
Da unser Gehirn häufig wiederholte, falsche Körperhaltungen irgendwann als richtig abspeichert, brauche es viele Wiederholungen, um falsche Sitzmuster loszuwerden, weiß Dr. Britta Schöffmann. Dafür haben unsere Sitzexperten einige Übungen zusammengestellt. Aber: "Ich kann jedem nur raten, einen Ausbilder zu suchen, der sich auch mit Sitzthemen beschäftigt. Die meisten Rittigkeitsprobleme lösen sich von allein, wenn sich der Sitz des Reiters verbessert", betont Claudia Butry.
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