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„Rubi streckt beim Reiten die Zunge raus“

Leserin Nicole Junga hat eine Stute mit Zungenfehler gekauft und hoffte, das Problem selbst lösen zu können. Doch alles, was sie probierte, brachte nichts. Kann Dressurausbilderin Dr. Britta Schöffmann helfen?

Nicole Junga wusste, dass Westfalen-Stute Rubi (12) einen Zungenfehler hat, als sie das Pferd kaufte. Die ehemalige Springreiterin hoffte jedoch, das Problem mit Geduld
 und einer einfühlsamen Hand in den Griff zu bekommen. Doch obwohl sie sehr vorsichtig reitet und bereits viele unterschiedliche Gebisse ausprobiert hat, änderte sich nichts. Sogar mit einem gebisslosem Zaum lässt Rubi ab und an ihre Zunge heraushängen.

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Nicole Junga wusste, dass Westfalen-Stute Rubi (12) einen Zungenfehler hat, als sie das Pferd kaufte.

Heute haben wir es mit einem Zappelphilipp zu tun. Die Dame, die nicht stillstehen kann, heißt Rubi und ist so zuckersüß, dass es wohl noch niemand übers Herz gebracht hat, ihr zu sagen, dass die Zappelei ganz schön nervt. Wir sind gemeinsam mit Dressur­ausbilderin Dr. Britta Schöffmann zu Besuch bei Rubi, weil die sensible Stute ein Problem hat. Ihre Zappelei ist es jedoch nicht. Ihre Besitzerin Nicole Junga hat uns geschrieben: Rubi streckt beim Reiten die Zunge raus. Das tat die Stute schon, bevor die Leserin sie kaufte. "Oft werden Zungenfehler zum Selbstläufer. Das Verhalten wird zur Gewohnheit und hat nicht unbedingt noch etwas mit der ursprünglichen Ur­sache zu tun", erklärt Dr. Schöffmann.

Die Trainerin prüft zunächst, ob das Pferd Ober-­ und Unterkiefer gegen­einander verschieben kann – das klappt nicht so gut. Rubis Zähne werden regel­mäßig vom Tierarzt kontrolliert. Viel­leicht sollte mal ein auf Zähne spezia­lisierter Pferdedentalpraktiker in Rubis Maul schauen? Schon beim Trensen fällt auf, dass Rubi ihre Zunge im Maul hin­ und herschiebt und mit dem Gebiss spielt. Nasenriemen und Sperrriemen sind korrekt und locker verschnallt. Als Dr. Britta Schöffmann Rubis Rü­cken abtastet, entdeckt sie empfind­liche Stellen. Die Trapezmuskeln hinter den Schultern sind atrophiert, was sich in erkennbaren Kuhlen zeigt. Auch an der Hinterhand könnte die Stute noch ein paar Muckis gebrauchen.

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Deutliche Kuhlen hinter den Schultern: Hier schwächeln die Trapezmuskeln.

Rubis Sattel passt nicht ganz

Doch Dr. Schöffmann gelingt es nach dem Sat­teln kaum, eine Hand zwischen Schul­ter und Sattel zu schieben. "Wegen der Kuhlen hielt der Sattler es für wichtig, den Sattel nicht noch enger zu machen und hat mir stattdessen empfohlen, vorübergehend mit einem Pad auszu­polstern", sagt Nicole Junga.

"Der Sattel drückt in die Schultern. Und mit dem Pad ist er zu eng. Auch die harten Kanten des Pads, das unter der Schabracke direkt auf dem Fell liegt, drücken", fin­det die Dressurausbilderin. "Das muss momentan kein Grund für den Zungen­fehler sein, kann aber als ein Puzzle­ Teilchen dazu beitragen." Rubis Be­sitzerin ist enttäuscht, denn sie hatte auf die Meinung ihres Sattlers vertraut.

Hinterhand darf aktiver werden

Doch die Zunge kommt schnell ans Licht, hängt links ein gutes Stück aus dem Maul heraus. Wie Nicole Junga berichtet, immer auf der gleichen Seite. "Das ist schon ein massiver Zungenfehler", stellt Dr. Schöff­mann fest. "Ich bin mir nicht sicher, ob sich daran noch etwas machen lässt."

Der Trainerin fällt jedoch sofort auf, dass die Bewegungen von Rubis Hinterbeinen verlangsamt sind. Sie müsste schneller und aktiver abfußen. "Das könnte tatsächlich ein Grund für den Zungenfehler sein", so Dr. Britta Schöffmann. "Denn ein solch fehler­haftes Schweben belastet den Pferde­rücken ungemein. Außerdem kommt die Stute auf die Vorhand, weshalb auch die Hinterhandmuskulatur schwach ausgeprägt ist." Rubi reagiert auf den Schenkel etwas träge. Beim Nachtreiben peitscht ihr Schweif und sie hält sich in der Ober­linie fest.

Ihre Reiterin soll nicht ständig mit klopfendem Schenkel einwirken, sondern darf erwarten, dass ihr Pferd auf einen treibenden Impuls sofort reagiert. Sie erzählt, dass Rubi ziem­lich flott wird, wenn sie warmgelaufen ist. Dr Schöffmann erwidert: "Wir wollen aber nicht, dass sie schneller trabt, sondern dass sie ihre Hinterhand aktiver heranschließt. Der Rhythmus muss unabhängig vom Tempo erhalten bleiben", betont sie.

Ihr Tipp: "Wenn die Stute nicht buckelt, kannst du ihr beim nächsten Mal, wenn sie deinen Schenkel nicht annimmt, einmal deutlich sagen, dass sie besser auf deine Hilfe achtet. Nimm die Zügel in die eine Hand und die Gerte wie eine Longierpeitsche in die andere. Dann lass die Gerte einmal neben ihrem Hinterteil durch die Luft zischen, aber ohne sie zu berühren." Gesagt, getan – und die Stute fliegt im Galopp davon. "Jetzt bloß nicht fest­ halten!", ruft die Trainerin.

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Rubi drückt nach unten auf die Hand. Ihre Hinterhand bleibt zurück.

Rubis Reiterin fällt nach vorne

Sie hat generell die Tendenz, ihr Pferd mit ihrem Sitz entlasten zu wollen und geht oft mit dem ganzen Arm vor, um Druck aufs Gebiss möglichst zu ver­ meiden. Ihre Zügelfäuste sind geöffnet, weil sie nachgeben möchte. Schlabber­zügel sind meist gut gemeint, aber oft alles andere als weich.

Die Trainerin korrigiert: "Deine Faust ist weicher, wenn du sie schließt, anstatt die Finger auszustrecken. Alleine das Zusammen­drücken und Lockern der Faust bewirkt ein punktgenaues und damit verständ­liches Annehmen und Nachgeben." Nicole Junga soll außerdem darauf achten, im Sattel Platz zu nehmen und ihre Ellenbogen am Körper zu behalten. "Rubi hat gelernt, mit ihrem Hals nach abwärts zu ziehen. Da du dann deine Arme vorstreckst, verstärkst du dieses Ziehen unbewusst. Dadurch gerät sie dir auf die Hand und kommt selbst auf die Vorhand", erklärt Dr. Schöffmann.

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Dr. Britta Schöffmann erklärt, was eine weiche Zügelfaust ausmacht.

Halbe Paraden sind für Rubi der Schlüsselcode

Ihre Reiterin soll dabei nicht rückwärts­ ziehen, sondern nur die Fäuste schließen und gleichzeitig treiben. Gibt die Stute nach und wird sie vorne leichter, darf Nicole Junga ihre Hände wieder ent­spannen und ihr Treiben reduzieren. Sie soll sich dabei vorstellen, dass sie eine lange Treppe hinaufreitet und ihren Oberkörper zunächst bewusst zurück­nehmen, um zu verhindern, dass sie nach vorne fällt.

Nach einigen Wiederholungen sehen wir bei Rubi eine deutliche Veränderung. Phasenweise tritt sie deutlich mehr unter und bewegt sich im Trab und Galopp besser in Richtung bergauf – und wäh­renddessen bleibt ihre Zunge im Maul! Nicole Junga freut sich, als sie spürt, wie gut sich das anfühlt: "Wow, so einen tollen Unterricht hatte ich noch nie!"

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Bei ganzen Paraden weicht Stute Rubi rückwärts aus. Nicole Junga fällt zu stark nach vorne und gibt zu viel nach.

Schwieriger sind die ganzen Paraden

Zur Vorbereitung reitet Nicole Junga zunächst einige Übergänge vom Trab in den Schritt, dann soll sie aus dem Trab ins Halten durchparieren. Rubi drückt auch dabei wieder nach unten, was ihre Reiterin unbewusst belohnt, indem sie die Arme nach vorne streckt. Als Nicole Junga darauf achtet, im Lot zu sitzen, von oben nach unten auszuatmen und ihre Ellenbogen am Körper zu behalten, quittiert das Rubi zunächst mit Rückwartsgehen.

"Sie entzieht sich so, da sie auf ihr Ziehen kein Nachgeben bekommt. Hände geschlossen und Ellbogen gewinkelt halten, entspannt sitzen und abwarten! Sobald sie stehen bleibt, gibst du nach", erklärt Dr. Schöffmann. "So belohnst du weder ihr Ziehen noch ihr Ausweichen, sondern ihr Nachgeben und Anhalten." Nach ein paar Versuchen klappt es deutlich besser.

"Gut, Schluss für heute!", lobt die Trainerin. "Wenn du auf deinen Sitz achtest und Rubi durch die Arbeit lernt, sich nicht mehr so auf den Zügel zu legen, bleibt die Zunge auch öfter im Maul." Nicole Junga strahlt. "So einen tollen Unterricht hatte ich noch nie!" Ob der Zungenfehler sogar bald vergessen ist?

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