Spazierengehen Lisa Rädlein

Neue Wege

Mit dem Pferd spazieren gehen

Mit dem Pferd auf Augenhöhe durch die Natur zu streifen – was gibt es Schöneres? Zumal Pferd und Reiter körperlich wie mental enorm profitieren!

Unsere Expertin Herdis Hiller ist Pferdepsychologin und Verhaltenstherapeutin. Sie fing gezwungenermaßen mit dem Spazieren an, weil ihr Pferd verletzt war. Zum Glück: Heute ist es ein wichtiger Teil ihrer Arbeit als Coach für Reiter und Pferd.

Spazieren für Körper, Geist und Seele

Ob ein langer Streifzug, eine kurze knackige Runde mit steilen An- und Abstiegen oder eine Gelegenheit zum intensiven "Gespräch" zwischen Mensch und Pferd – ein Spaziergang kann so vieles sein und ist deshalb für jeden Reiter sinnvoll. Wie Einsteigern ein Spaziergang mit dem Pferd gelingt, erfahren Sie hier – und warum auch langjährige Reiter vom Gehen mit dem Pferd profitieren.

Spazieren ist intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, oft tritt sogar eine meditative Wirkung ein. Die wechselseitigen Schritte lockern den Hüftbereich und verknüpfen unsere Gehirnhälften intensiver miteinander, erklärt Herdis Hiller. So können wir Gedanken und Gefühle besser sortieren.

Unser Pferd profitiert anschließend aber nicht nur von einem ausgeglichenen, lockeren Reiter, sondern stärkt und schult auch das eigene Körperempfinden. Die langen Schrittphasen verbessern das Herz-Kreislauf-System und die Kondition, während gleichzeitig der Rücken entlastet und die Muskulatur gestärkt wird. Und auch die Pferdepsyche profitiert: Die neuen Wege, gesammelten Erfahrungen und spannenden Beobachtungen führen zu mehr Gelassenheit. Neue Situationen sind dann oft auch im Sattel kein Problem mehr.

Das richtige Zubehör

Das Zubehör muss vor allem passen und sicher sein. Machen Sie keine Experimente. "Trägt ein Pferd im Training stets eine Trense oder einen Kappzaum, würde ich nicht mit Halfter spazieren", rät Herdis Hiller. Wenn das Pferd Gertensignale kennt, kann sie auf einem Spaziergang sinnvoll sein. Hiller selbst geht meist mit langem Strick und Handschuhen spazieren. "Das kann ich auch nur empfehlen", sagt sie. Bei schreckhaften Pferden gibt eine Longe mehr Spielraum und Sicherheit, sollte das Pferd mal wegspringen. Wenn Sie einen Strick nutzen, dann mit Karabiner- statt Panikhaken.

Das A&O: Die Basis fürs Spazieren

Für einen entspannten und gleichzeitig sicheren Spaziergang müssen Sie bereits zuhause grundlegende, jederzeit abrufbare Kommandos anlegen.

A wie Anhalten. Beim Fluchttier Pferd ist diese Lektion besonders wichtig. Das Pferd muss lernen, auf ein bestimmtes Signal anzuhalten. Ob das ein Pfeifen, ein Stimmkommando oder ein langes Ausatmen ist, kann der Reiter selbst entscheiden. Wichtig ist: Verwenden Sie immer das gleiche Kommando und bestätigen Sie das Pferd, sobald es reagiert.

O wie das süddeutsche "Obacht" (= hochdeutsch Achtung). Denn Aufmerksamkeit hat Priorität. Nur so können Sie riskante Situationen abmildern. Bieten Sie Ihrem Pferd eine klare Führung und Sicherheit. Dazu legen Sie ein Signal fest, auf das es sich Ihnen zuwenden soll. Reagiert es nicht, verdeutlichen Sie Ihre Absicht durch berühren oder antippen am Hals.

Spazierengehen
Lisa Rädlein
Viele Pferde schließen sich ihrem Menschen am Boden noch leichter an, als wenn er im Sattel sitzt. Ein Signal für Aufmerksamkeit hilft zusätzlich.

Stimmungs-Spiegelung: Wie wir unsere Energie übertragen

Veränderungen sind Teil des Lebens. Umso wichtiger ist es, sowohl auf sich als auch auf das Pferd regelmäßig einen genauen Blick zu werfen – ein Spaziergang ist dafür ideal. Achten Sie auf alle Details, rät Herdis Hiller: Ist das Pferd wirklich nervös? Oder orientiert es sich an mir und ich übertrage meine Nervosität und Stimmung? "Meist spielt das eigene Energielevel die größte Rolle", so die Pferdepsychologin. Spannungen, Launen, aber auch Ängste und kleinste Veränderungen nimmt das Pferd sehr fein wahr. "Atme ich hektischer oder unregelmäßiger, spürt das Pferd die Unsicherheit und wird nervös", so Hiller.

Hier hilft es, sich an Meditationsansätzen zu orientieren und das bewusste Atmen zu üben. Wenn Sie Ihre Atemzüge zählen und deutlich länger aus als einatmen, führt dieser Fokus meist schon zur Entspannung. Und was ist mit träumerischen, gemütlichen Pferden? Hier ist die Motivation entscheidend. Atmen Sie bewusst durch, richten sich auf und laufen dann zielstrebig mit dem Gedanken an eine schöne Erinnerung los.

Das will nicht gelingen, weil Ihre eigenen Gedanken kreisen? Schauen Sie auf sich, spazieren vielleicht alleine und widmen sich dem gemeinsamen Gehen erst am nächsten Tag.

Eine saftige Angelegenheit

Leuchtet das Grün am Wegrand, kann es mit dem schönen Spaziergang schnell vorbei sein. Um Diskussionen zu vermeiden, sind Konsequenz und klare Kommunikation gefragt. Wenn Sie Grasen unterbinden wollen, müssen Sie den Punkt erwischen, bevor das Pferd das Gewicht auf die Vorderhand legt. Nehmen Sie den Strick etwas höher und reagieren sofort mit leichtem Zuppeln, wenn der Kopf Richtung Boden geht. Kommt die Reaktion zu spät, können Sie den eigenen Ellenbogen an den Hals legen und eine Halsbiegung fordern, um die Kraft des Pferds zu mindern und wieder eingreifen zu können.

Spazieren, fit werden oder eher konzentrieren?

Das oberste Ziel eines Spaziergangs sollte immer sein, dass alle Beteiligten glücklich und zufrieden nach Hause kommen. Je nach Lust und Laune können Sie Ihren Ausflügen zusätzlich verschiedene Gewichtungen geben und für noch mehr Abwechslung sorgen. Fragen Sie sich vorher, was Sie heute möchten: Wollen Sie sich auspowern? Einfach nur entspannen und auch gezielt Pausen einbauen? Oder möchten Sie die Konzentration und Kraft Ihres Pferdes trainieren? Entscheiden Sie immer wieder neu nach Ihrem Bauchgefühl.

Ein schmaler Grad: Neugierde oder Angst?

Neugierde oder Panik? Neues und Unerwartetes gibt es im Freien an jeder Ecke. Umso wichtiger ist es, dass der Mensch die Situation und das eigene Pferd schnell einschätzt und den Unterschied zwischen Neugierde und starker Aufregung erkennt. Beobachtet das Pferd nur oder ist es regelrecht fixiert? Interesse ist an sich nichts Schlechtes und sollte nicht allgemein unterbunden werden. Guckt sich das Pferd jedoch fest, muss der Reiter schnell eingreifen. Je höher der Kopf und umso angespannter die Muskeln, desto wahrscheinlicher wird eine Panikreaktion. Um diese abzuwenden, lenken Sie die Aufmerksamkeit sofort mit Hilfe des zuhause erlernten Kommandos auf sich. Mit Rückwärts- und Seitwärtstritten können Sie den Fokus des Pferds zurückholen und ihm in der Situation Ihre Führung anbieten.

Konfrontation und Überwindung: Der richtige Umgang mit angsteinflößenden Situationen erfordert viel Feingefühl. Gehen Sie voraus, zwischen Pferd und Hindernis, und schauen sich das Objekt zunächst alleine an, rät Hiller. Dann nähern Sie sich zusammen. Bewegen Sie Ihr Pferd. Kleine Kreise oder Zickzack-Wege eignen sich, um den Stress etwas zu reduzieren. Wenn sich die Situation allerdings nicht beruhigen lässt, finden Sie einen guten Schluss, bevor das Pferd ein negatives Erlebnis speichert. Dafür reicht es schon, wenn das Pferd einen Schritt über seinen Angstpunkt hinausgeht und sich kurz überwindet. Dann ist Umdrehen keine Niederlage. Üben Sie die Situation regelmäßig und verschieben diesen Angstpunkt immer um einen Schritt. Das Pferd lernt, dass nichts passiert und kann seine Angst ablegen.

Mal was Neues – Die Umgebung nutzen

Zeigen Sie Ihrem Pferd gezielt interessante Dinge in der Umgebung: Das können aufgestapelte Bäume, bunte Fahnen, Kühe auf der Weide oder ähnliches sein. Neben Anreizen für den Kopf können Sie auch das Körperbewusstsein und die Koordination Ihres Pferds unterwegs schulen:

Suchen Sie wechselnde Untergründe und lassen Ihr Pferd ganz bewusst einen Huf vor den nächsten setzen. Oder aber Sie geben eine Linie vor, auf der es, ohne nach links und rechts auszuschweifen, laufen soll. Beachten Sie aber, die Übungen nicht zu lange zu machen, da sie für das Pferd äußerst anspruchsvoll sein können.

Für mehr Spaß lassen sich Bäume als Slalomhütchen und Baumstämme als Bodenstangen nutzen. Wenn Sie Wasser in der Nähe finden, lassen Sie Ihr Pferd planschen oder waten hindurch.

Spazierengehen
Lisa Rädlein
Sichere Tritte: Durch verschiedene Untergründe lernt das Pferd, seine Beine bewusst einzusetzen.

Parcourstraining: Wenn Sie Ihre Spazierstrecke bereits in- und auswendig kennen, machen Sie daraus einen Parcours. Überlegen Sie sich verschiedene Stationen. Das können Schilder, Baumstümpfe, Pfützen, Wegabschnitte, zugängliche Wiesen oder sonstiges sein. An jeder Station führen Sie eine Aufgabe durch. Wechseln Sie zwischen Kunststücken (Küsschen, Spanischer Gruß etc.), Gehorsamsübungen (z. B. Stopp/Rückwärts/Podeste erklimmen) und körperlich fordernden Übungen wie bergauf und bergab.

Wechsel: Wechsel jeglicher Art sind ein effektives Training. Sie fordern Aufmerksamkeit und Reaktion, sorgen aber gleichzeitig auch für eine starke Muskulatur. Also wechseln Sie doch mal von Schritt zu Trab, von bergauf zu bergab. Einmal vorwärts, dann alles nochmal rückwärts. Gehen Sie einmal rechts, einmal links. Seien Sie flexibel. Ihr Pferd wird wachsam und motivierter.

Enge: Als Fluchttier liegt es in der Natur des Pferds, Engpässe zu meiden. Durch den Menschen wird das Pferd aber oft damit konfrontiert, zum Beispiel im Pferdeanhänger, über Brücken, in Tunneln usw. Warum also nicht in unbeschwerter Umgebung üben? Suchen Sie begrenzte Wege oder eng gewachsene Büsche, bewältigen Sie gemeinsam eine Brücke oder gehen durch einen Tunnel. Je mehr positive Erfahrungen Ihr Pferd in der Enge sammelt, desto schneller rückt das ungute Gefühl in Vergessenheit.

Kommentar

Wer mit seinem Pferd spazieren geht, muss Sprüche einstecken: von "Zum Gassi gehen hätte ein Hund auch gereicht" über "Du musst draufsitzen" bis "Das Pferd muss was arbeiten". Ich aber gehöre gerne zu diesen teils verrufenen Spazierengehern unter den Reitern – und das auch noch mit einem richtig guten Gefühl. Denn: Was sollte dem natürlichen Bewegungsverhalten eines Pferds näherkommen, als sich ohne Reitergewicht auf dem Rücken im Schritt fortzubewegen? Und wie lässt sich besser eine Beziehung aufbauen als auf Augenhöhe? Wer das als tüddelig und sinnlos abtut, verpasst etwas: wertvolle Zeit mit dem Pferd, ganz pur und ohne Leistungsdruck. Natalie Steinmann, CAVALLO-Redakteurin

CAV GHP Serie
Pferdehaltung
CAV Bodenarbeit Senniana
Am Boden
Mehr zum Thema Bodenarbeit
Spaß mit Pferden
Reiterwelt
Kurze Trainings
Reiten
Grenzen setzen
Am Boden
CAV Stangenarbeit Stange Teaser
Reiten