Freiheits-Dressur: Sechs professionelle Pferde-Trainer im Test

Dr. Christine Konrad: Klassische Zirkusdressur

Einfach flüstern war gestern. Heute lehren Pferde-Profis die Freiheits-Dressur mit System. CAVALLO hat sechs Trainer auf die Probe gestellt. Plus Trainings-Tipps!

Dr. Christine Konrad (47) aus dem hessischen Rechtenbach ist Tierärztin, Osteopathin und lernte bei der bekannten Zirkustrainerin Irmgard Wieczorek klassische Freiheitsdressur. Die zeigt sie mit ihren beiden Ponys und gewann dafür 2007 den Show-Cup auf der Equitana.

Konzept

Als Klassikerin unter den Freiheitsdresseuren arbeitet Dr. Konrad mit Handarbeit nach französischer Peitschenführung – Longe, Peitsche, präzise Stimmbefehle. So bringt sie dem Pferd Signale und Kommandos bei, die sie später auch zur Freiheitsdressur benutzt. Das Pferd muss sie dabei direkt anschauen. „Den Blickkontakt brauche ich, um in der Manege mit den Tieren kommunizieren zu können.“

Kontakt

Dr. Konrad streicht Maya mit der Gerte ab. Die Stute akzeptiert das, weshalb Dr. Konrad sie nun mit einer längeren Peitsche an die Longe nimmt. Dort schaut sie, wie das Pferd auf ihre Peitschensignale reagiert. Wedelt sie hinter ihr auf dem Boden, soll die Stute schneller gehen, vor ihr Wedeln heißt langsamer. Beim ersten Wedeln macht Maya einen Satz nach vorne. „Ein sensibles Pferd“, urteilt Konrad, „ich muss in meinen Signalen feiner werden.“

Foto: Rädlein Pferde reiten Reitsport CAVALLO

Bei der französischen Peitschenführung bleibt die Peitsche stets rechts.

Kommunikation

Beim Longieren auf einem kleinen Zirkel lässt Dr. Konrad das Pferd mit Stimm- und Peitschenhilfen Gangarten und Tempo wechseln. Bald ist Maya so auf sie sensibilisiert, dass sie pariert, wenn die Tierärztin die Peitsche nur in Richtung ihrer Nase hebt. Aus dem Halten entwickelt Dr. Konrad den Appell, mit dem sie Pferde später auch freilaufend zu sich beordern kann: Sie zupft an der Longe, um Maya zu sich in die Mitte zu holen. Während dessen schlägt sie kurz die Augen nieder und geht zurück, um Maya das Herkommen zu erleichtern. Danach blickt sie die Stute direkt an und gibt ihr ein Leckerli. Maya schnaubt und leckt das Maul. „Ich gehöre zur Leckerli-Fraktion“, gibt Dr. Konrad zu. „Allerdings darf das Pferd nie von sich aus danach schnappen.“ Was wie einfaches Im-Kreis-Laufen aussieht, ist konzentrierte Arbeit. Immer wieder korrigiert Dr. Konrad die Stute, führt sie per Peitschenzeig ins Schulterherein, wenn sie nach innen fällt. „Die Arbeit muss einen körperlichen Gewinn bringen“, sagt sie. „Freiheitsdressur besteht nicht daraus, dem Pferd nur Tricks beizubringen.“ Die Trainerin hält es wie ihre Ausbilderin Irmgard Wieczorek: 20 Minuten arbeitet sie in jeder Einheit mit dem Pferd an der Longe, fünf Minuten darf es mit Pylonen oder auf dem Podest spielen.

Maya zeigt nach 30 Minuten einen ordentlichen Appell an der Longe, wenn Dr. Konrad sie ruft: „Nun höre ich auf, damit sich das Gelernte setzen kann.“

Foto: Rädlein Pferde reiten Reitsport CAVALLO

Das Schwingen nimmt dem Pferd die Angst vor der Peitsche, sie dirigiert das Pferd später in jede Richtung.

Fazit

Gut ein Jahr dauert es bei drei bis fünf Mal Üben pro Woche, bis die Kommandos an der Longe so weit sitzen, dass ein Pferd auch im freien Lauf sicher darauf hört. Mittels weniger Peitschensignale – Schlag in die Luft hinter das Pferd treibt vorwärts, Schlag in die Luft vor das Pferd stoppt – lässt es sich dann frei dirigieren, während der Besitzer wie ein Verkehrspolizist in der Mitte nur noch Zeichen gibt. Diese Handarbeit hilft auch beim Reiten. Dr. Konrads Wallach, den sie, wie sie zugibt, durch Unkenntnis lahm geritten hatte, war nach einem Jahr Longe so fit, dass er seine Reiterin wieder tragen konnte. Außerdem ist klassische Handarbeit ein Training für die feine Hand: „Weil ich mit der Peitsche ganz präzise Signale geben muss, brauche ich ein sehr lockeres Handgelenk“, sagt Dr. Konrad.

Testpferd Maya arbeitet nicht zuletzt wegen der Leckerlis motiviert mit, bekommt aber auch immer wieder Grenzen gesetzt. Dr. Konrad korrigiert stets, wenn das Pferd nicht folgen will. Das nervt die bisweilen zickige Stute, die sich in ihrer Dominanz nicht untergraben lassen möchte und nach einiger Zeit pikiert mit dem Schweif schlägt. Maya tut, was sie soll; so begeistert und neugierig wie bei anderen Methoden scheint sie nicht.

Foto: Rädlein Pferde reiten Reitsport CAVALLO

Bis hierher und nicht weiter: Der wedelnde Gertengriff vor den Nüstern stoppt aufdringliche Pferde. Maya gehorcht ungern.

Für wen geeignet?

Pferdetpyen 1 und 2.
Dr. Christine Konrads Methode ist altbewährt und logisch aufgebaut. Sie beruht nicht auf Geheimnissen, Charisma oder übertriebenem Psychologisieren. Jeder kann ihre Sprache lernen, wenn er sich an die Regeln hält und Konsequenz nicht scheut. Freiheitsdressur nach klassischer Methode bereitet das Pferd gut auf Dressurreiten vor und eignet sich für alle, die ihr Pferd sowohl im Freilaufen als auch unter dem Sattel sicher beherrschen möchten. Intelligente Pferde wie Maya könnten sich bei dieser Trainingsweise schnell langweilen, weil sie mit vielen Wiederholungen arbeitet. Unsichere oder ängstliche Pferde bekommen durch Wiederholen und festen Rahmen im Training mehr Selbstsicherheit und Vertrauen.

Dr. Christine Konrad, Tierarztpraxis Telle, Kantstraße 1, 35625 Hüttenberg-Rechtenbach, Tel. (06441) 75792, E-Mail: ponyzirkuskonrad@web.de

04.11.2008
Autor: Patricia Wagner
© CAVALLO
Ausgabe 01/2008