CAVALLO-Exterieur-Coach: Kurzer Hals und kurzer Rücken

Longieren lenkt den Blick nach unten

"Das Pferd hat einen kurzen, hoch angesetzten Hals mit ausgeprägtem Unterhals und ziemlich wenig Ganaschenfreiheit", sagt Exterieur_expertin Claudia Schebsdat.
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Ich schätze, dass sich diese Stute ungerne in Dehnungshaltung vorwärts-abwärts reiten lassen wird. Darauf deutet ihr ausgeprägter Unterhals hin.

Er führt dazu, dass sie den Kopf sehr hoch hält. Den Reiter versucht sie zu tragen, indem sie ihre dorsale Muskelkette (Rücken- und Kruppenmuskulatur sowie Muskeln der Ginterbeine) versteift. So entwickelt sie einen kurzen, abgehackten Gang mit relativ wenig Schwung und Verspannungen im Rücken und Hinterbein. Durch die fehlende Ganaschenfreiheit fällt es es ihr außerdem schwer, korrekt im Genick nachzugeben und in Dehnungshaltung zu kommen. Die steile, lange Schulter sorgt für eher knappen Raumgriff. Die Schulter wirkt massiger als Kruppe und Hinterbein; das Pferd trägt also vorne viel Gewicht. Die Beulen (Knäste) am Unterkiefer verraten, dass das Pferd noch relativ jung ist. Sie weisen auf die unter den Milchzähnen nachschiebenden dauerhaften Zähne hin: Das Tier ist im Zahnwechsel.

Ich würde die Stute über einen längeren Zeitraum ausgebunden longieren, am besten mit dem DIPO-Trainer. Er hat keine direkte Einwirkung auf Genick oder Maul und wirkt über leichten Druck gegen die Kehle. Eine Alternative wäre der Dreieckszügel. Dabei ruhig Stangen und Cavalettis in allen drei Gangarten einbeziehen. Das stärkt die Koordination und hilft, die Aufmerksamkeit nach unten auf den Boden zu richten. Am Anfang würde ich beim Longieren nicht speziell Übergänge üben, sondern bloß auf den Takt achten und das Pferd sein eigenes Tempo finden lassen. Aufbauend könnten im Verlauf der Ausbildung Stangenlabyrinthe dazu kommen.

Durch dieses Longentraining verändert sich die Halsform vom steilen „S“ zu einem dorsal-konvexen „C“. Gleichzeitig wird der Halsansatz am Übergang von der Halswirbelsäule zur Brustwirbelsäule angehoben und die Unterhalsmuskulatur abgebaut. Das wirkt sich auch positiv auf die Ganaschenfreiheit aus. Dabei darf man die Hinterhand natürlich nicht vergessen. Durch deren fleißiges Untertreten soll der Rücken von hinten her aufgewölbt werden. Wenn sich der Reiter später auf das Pferd setzt, sollte er weiter mit tiefer Einstellung reiten. Vermutlich wird das Pferd sie nicht lange halten können, den Kopf hochnehmen und den Rücken versteifen. Dann muss man im Training einen Schritt zurückgehen oder auch mal 10 Minuten führen. Am besten ist es, die Arbeit zu beenden, ehe das Pferd sich zu wehren beginnt.

Die Expertin

Claudia Schebsdat, Pferde-Osteothera­peutin und -Physio­therapeutin, aus Kleinmachnow in Brandenburg

01.08.2010
Autor: Redaktion CAVALLO
© CAVALLO
Ausgabe 06/2007