Alles über den Schwung beim Pferd

Die Bedeutung des Pferderückens für den Schwung

Ob ein Pferd schwungvoll geht oder nicht, entscheidet sein Rücken.

„Die Energie aus der Hinterhand muss über den unverspannten, aufgewölbten Rücken bis in die Reiterhand fließen“, sagt Gerd Heuschmann. Dr. Robert Stodulka, Tierarzt aus Wien und Verfasser der „Medizinischen Reitlehre“, stimmt zu: „Schwung funktioniert nur bei einer positiv gespannten Oberlinie. Sonst bricht der Schwung, den die Hinterhand erzeugen könnte, quasi in der Mitte des Pferds ab.“

Dieser Spannungsbogen von Hinterhand über Rücken und Hals zur Reiterhand entsteht nur, wenn das Pferd in weicher Anlehnung geht. Andreas Grams veranschaulicht am Bild einer Dachlatte Rückenfunktion und Anlehnung: „Nur wenn die Latte in der Mitte nach oben gewölbt ist, kann sie federn.“

Wird die gerade Latte von hinten geschoben, bewegt sie sich zwar vorwärts, schwingt aber nicht. Erst hochgebogen und etwas gespannt schwingt die Latte bei mehr Schub von hinten elastisch. Das kostet Kraft. „Voraussetzung für den Schwung ist genügend Stärke in der Hinterhand, damit das Pferd energisch abfußen und seine Beine kräftig strecken kann“, sagt Tierarzt Heuschmann. Die dafür nötigen Muskeln wachsen am besten bei gleichmäßigem, frischem, aber nicht übereiltem Tempo auf geraden Strecken im Gelände. Dort behindern keine Reitplatz-Ecken die Arbeit. Das Schubkrafttrainig schadet übrigens nicht der Tragkraft, wie viele Reiter glauben: „Die Kraft für Schieben und Tragen kommt aus den selben Muskeln“, stellt Heuschmann klar. „Sie werden nur etwas anders koordiniert, je nach dem, ob die Hinterbeine weiter unter den Körper fußen oder nach hinten hinaus schieben.“

Das verkennen manche Ausbilder und nehmen ihren Pferden von Anfang an die Chance, später schwungvoll zu gehen. „Viele junge Pferde werden mit dem Ziel, die Lastaufnahme der Hinterhand zu fördern, sehr früh im Hals eng gemacht“, beobachtet Heuschmann, gelernter Bereiter. Wenn dann zum Tragen noch die Kraft fehlt, verspannt die Muskulatur, besonders im Rücken. Die Pferde können nicht mehr locker schwingen.

Ein verspannter Rücken blockiert auch die Beine: „Die Spannung der Rückenmuskeln setzt sich in der langen Sitzbeinmuskulatur fort. Die Hinterbeine können nicht mehr so weit vorschwingen wie sie sollten.“
Die spektakulären Verstärkungen solcher Pferde sind nichts anderes als Spannungstritte im Stechtrab. „Die Vorderbeine fliegen bei verspannten Pferden so hoch, weil die verkrampfte Unterhalsmuskulatur sie nach oben zieht“, sagt Heuschmann. Mit Schwung hat dieser Schleudergang nichts zu tun, auch wenn er bei Turnieren und Auktionen oft zu sehen ist.

Stechtrabpferden fehlt in Verstärkungen auch die Rahmenerweiterung. „Das erkennen Sie an der Stirn-Nasen-Linie, die nicht dort auf den Boden trifft, wo das Pferd hinfußt“, sagt Desmond O’Brien, Dressurausbilder und ehemaliger Bereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien. Zeigen die Füße weiter vor als die Nasenspitze, ist das Pferd zu eng im Hals und kann nicht schwingen.

Auch Schwebetritte kommen nur bei verspannten Pferden vor. „Geht ein Pferd schwungvoll, zeigen seine Hufe in der Bewegung einen Kreisauschnitt. Sie gehen sowohl hoch als auch vor“, erklärt Heuschmann. Bei Schwebetritten stoppt das Pferd die Bewegung in der Luft. Es hebt die Hufe hoch, kann sie aber wegen der verspannten Muskeln nur wenig vorschwingen und setzt sie wieder ab. Die Schweb-Gefahr ist in der Passage am größten, weil sie besonders viel Kraft kostet.

Werden Pferde mit festem Rücken geritten, verlieren sie nicht nur ihren Schwung. Auch Rittigkeit und Grundgangarten leiden unter dem Krampf. „Die Pferde wehren sich gegen die Hand oder werden eng im Hals. Erst wird ihr Schritt passartig, dann geht der Trabtakt verloren, weil das diagonale Beinpaar nicht mehr gleichzeitig fußt, und zum Schluss kommt Vierschlaggalopp“, beschreibt Heuschmann den typischen Niedergang falsch gerittener Dressurtalente.

18.11.2008
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 05/2008