Medizin-Kompendium Knochenzysten Lisa Rädlein

Knochenzysten beim Pferd: Was tun?

Medizin-Kompendium Knochenzysten beim Pferd: Was tun?

Hohlräume in Knochen, die durch Knochenzysten entstehen, können Pferde unreitbar machen. Wie entstehen sie – und welche Behandlungsmethoden helfen Patienten?

Die elfjährige Ponystute ging eines Tages lahm. Der Tierarzt untersuchte den Vierbeiner und fand die Ursache: Auf dem Röntgenbild eines Knies war eine Knochenzyste zu erkennen.

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Medizin-Kompendium Was hilft gegen Knochenzysten bei Pferden?
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Die Stute bekam Autologes Conditioniertes Plasma (ACP) gespritzt und wurde geschont. Das ging knapp drei Monate lang gut, doch von einem Tag auf den anderen lief das Pony wieder hochgradig lahm: Die Knochenzyste musste operiert werden.

Wissenswertes zur Anatomie

Knochenzysten sind hohlraumartige Defekte im Knochengewebe. Oft sind diese Hohlräume mit gelenkkapselartigem Gewebe ausgekleidet und können deshalb mit Gelenksflüssigkeit (Synovia) oder Blut durchsetzt sein.

Sitzen die Zysten in direkter Gelenknähe, spricht man von subchondralen Knochenzysten (SKZ). Diese können mit einem Gelenk in direkter Verbindung stehen. Zysten vom Typ I sind kuppelartig und stehen in weit offener Verbindung zur Gelenkfläche.

Zysten vom Typ II sind durch einen engen, flaschenhalsartigen Kanal mit dem Gelenk verbunden. "Subchondrale Knochenzysten können im Prinzip an allen Gelenken vorkommen", sagt Dr. Martin Waselau, Fachtierarzt für Pferdechirurgie. Besonders häufig tauchen SKZ im Kniegelenk auf. Sie sitzen meist auf der Innenseite des Oberschenkelknochens direkt unterhalb der Gelenkfläche. Auch in den Knochen der Zehengelenke, des Karpal-, Sprung- oder Schultergelenks können sie vorkommen, ebenso wie in den Halswirbeln.

Je nach Größe drücken Knochenzysten oft auf benachbarte Knochen oder Gelenkflächen und verursachen leichte bis sehr starke Schmerzen. Nicht in jedem Fall lahmt das Pferd. "Charakteristisch ist eine intermittierende, also immer wiederkehrende Lahmheit", sagt Dr. Waselau. Wird das Pferd stärker belastet, wird vermehrt Gelenksflüssigkeit in die Zyste gedrückt. "Der Druck im Knochen kann Schmerzen verursachen, die das Pferd lahmen lassen."

Welche Ursache gibt es für Knochenzysten beim Pferd?

Ursachen für Knochenzysten sind oft Durchblutungsstörungen des subchondralen Knochengewebes während des Wachstums. Wird das Gewebe schlecht mit Nährstoffen versorgt, kann es passieren, dass sich der Gelenkknorpel nicht gleichmäßig mit dem darunter liegenden Knochen verbindet. Dadurch können entweder freiliegende Knochen- oder Knorpelfragmente (Chips) oder SKZ im Gelenk entstehen. Beide werden als eine Form der Osteochondrosis dissecans (OCD) angesehen.

Schuld daran können die Gene sein. Rassen wie Vollblüter oder Quarter Horses sind zum Beispiel für Zystenbildungen im Kniegelenk besonders anfällig. "Im Prinzip sind schnell wachsende Rassen eher von Knochenzysten betroffen als langsam wachsende. Häufig begünstigt eine sehr energiereiche Fütterung das schnelle Wachstum und damit die Bildung von Knochenzysten."

Auch wenn ein Pferd sich am Gelenkknorpel oder dem unter dem Knorpel liegenden (subchondralen) Gewebe verletzt, könnte eine SKZ entstehen. Der "Hydrauliktheorie" zufolge wird die Gelenksflüssigkeit ins Knochengewebe gedrückt; eine SKZ entsteht oder eine vorhandene Zyste kann sich ausdehnen.

Manchmal bilden sich Zysten auch in Folge von Entzündungen oder Haarrissen im Knochen, die etwa durch Überlastung entstehen. Seit einigen Jahren erklären Experten Entstehung und Wachstum von SKZ auch mit der "Entzündungstheorie": Die Synovialmembran in der Zyste produziert Stoffe, die bei Entzündungsprozessen im Gelenk vorkommen (Entzündungsmediatoren wie Prostaglandin E2 und Interleukin-1 und -6). Diese tragen zur weiteren Auflösung von Knochengewebe bei.

Wie machen sich Knochenzysten bemerkbar?

Typisches Zeichen ist eine von Zeit zu Zeit auftretende Lahmheit, die sich in der Bewegung verschlimmert. Das Pferd nimmt zudem Schonhaltungen ein und entlastet ein Bein besonders häufig. Bei subchondralen Knochenzysten (etwa an Fesselgelenk oder Knie) kann das betroffene Gelenk anschwellen.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Nach der Lahmheitsuntersuchung mit Beugeprobe und Anästhesie setzt der Tierarzt bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall, Computer- oder Magnetresonanztomografie (MRT) ein.

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Spezielle MRT-Geräte, wie hier in der Pferdeklinik Aschheim, durchleuchten auch schwerer zugängliche Stellen wie das Pferde-Knie gründlich.

So behandeln Tierärzte Knochenzysten

Der Tierarzt kann das Pferd entweder konservativ mit Entzündungshemmern und gelenkregenerierenden Präparaten oder chirurgisch behandeln.

Bei konservativer Therapie muss das Pferd eine mehrmonatige Belastungspause einlegen und anschließend sehr langsam aufgebaut werden. Hyaluronsäure, Wachstumsfaktoren (z.B. Platelet Rich Plasma) oder polysulfatierte Glycosaminoglycane (Bausteine der Knorpelschicht) sollen den Heilungsprozess unterstützen.

"Oft bleibt das Pferd aber nur einige Zeit lahmfrei", so Dr. Waselau. Ob eine OP sinnvoll ist, prüft er mittels MRT: "Ist die Zyste zu groß oder sind bereits Schäden am Kreuzband oder Meniskus aufgetaucht, entscheiden wir uns oft dagegen." Das Pferd darf nur noch eingeschränkt geritten werden und wird konservativ weiter behandelt.

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Je nach Gelenk und Lage der Knochenzyste kann der Chirurg diese per Arthroskopie behandeln.

Bei einer OP behandelt der Chirurg den Defekt je nach Gelenk und Lage per Arthroskopie direkt über die Gelenkfläche oder von außen durch den Knochen. Seit einigen Jahren versorgt Dr. Waselau Knochenzysten fast ausschließlich mit transkortikalen Knochenschrauben.

"Die Implantate erfüllen zweierlei Funktionen: Sie dienen der Stabilisierung des ausgehöhlten Knochens, um eine weitere Ausdehnung zu verhindern, und wirken stimulierend auf die Knochenneubildung und -füllung. Durch die Eindämmung der krankhaften Aushöhlung wird den betroffenen Pferden auch der chronisch unterschwellige Gelenkschmerz genommen. Somit werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen."

Seit Ende 2020 setzt das Tierspital der Universität Zürich eine neuartige Knochenzementschraube ein. Sie regt die Knochenheilung an, hilft neuem Gewebe in die Zyste einzuwachsen und kann die Zyste stabilisieren. Zudem löst sie sich innerhalb von drei Jahren auf. Dadurch entfalle allerdings der stabilisierende Effekt, so Dr. Waselau: "Die Ergebnisse bleiben abzuwarten."

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Tierspital Zürich
Für die Stabilisierung setzt das Tierspital Zürich auf eine neuartige Knochenzementschraube, die sich nach drei Jahren auflöst.

Da Entzündungsmediatoren für den Abbau von Knochengewebe sorgen, kann der Tierarzt begleitend Kortikosteroide in die Zyste spritzen. Die Entzündungshemmer deaktivieren Entzündungsmediatoren und sollen eine Ausdehnung der Zyste verhindern.

Manche Tierärzte füllen die Knochenhöhle mit PMMA (Polymethylmetacrylat) auf. Das Material härtet sofort nach der Injektion aus und stabilisiert den Knochen. Die Füllung ist jedoch umstritten, weil es möglicherweise weniger stoßdämpfend wirkt als Knochengewebe und so auf Dauer zu Arthrose führen könnte. PMMA darf zudem nicht mit Gelenkknorpelgewebe in Berührung kommen, da es dies angreifen kann. "PMMA wirkt wie eine Plombe, die ein Loch verschließt. Nach meiner Erfahrung drückt das harte Material aber irgendwann auf Gelenkstrukturen, also etwa im Kniegelenk auf die Menisken. Das kann immer wieder zu Irritationen führen."

Nach der Operation bekommt das Pferd vorbeugend Antibiotika, um Infektionen zu verhindern. Das Pferd muss einige Wochen in der Box bleiben und wird ein paar Minuten täglich auf ebenem, weichem Untergrund im Schritt geführt. Allmählich kann das Bewegungspensum gesteigert werden, wenn das Pferd lahmfrei bleibt.

Wie lässt sich vorbeugen?

Zur Zucht sollten nur Pferde ausgewählt werden, die keine Veranlagung zu Knochenzysten haben. Bei der Aufzucht müssen Züchter darauf achten, dass die Jungpferde ausreichend mit Mineralstoffen versorgt sind. Zu energiereiches Futter begünstigt zu schnelles Wachstum und so Knochenzysten. Junge Pferde dürfen nicht zu früh stark belastet werden, damit es nicht zu Gelenksverletzungen kommt.

Der Experte:

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privat
Dr. Martin Waselau ist Fachtierarzt für Pferdechirurgie.

Dr. Martin Waselau hat sich ganz der Chirurgie verschrieben: Er ist Fachtierarzt für Pferdechirurgie, hat den Master of Science, Diplomate ACVS und Diplomate ECVS. Der Inhaber der Pferdeklinik Aschheim bei München ist zudem Mitglied in der Gesellschaft für Pferdemedizin und der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthese. www.pferdeklinik-aschheim.de

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