Natürliche Schiefe Lisa Rädlein

Was bedeutet „natürliche Schiefe“ beim Pferd?

Forschung und Praxis Was heißt „natürliche Schiefe“ beim Pferd?

Wie bewegen sich schiefe Pferde und welche Folgen hat das? Die Forschung liefert wichtige Erkenntnisse für die Praxis und offenbart Wissenslücken. Plus: Schiefen-Check für Ihr Pferd.

Leiden Sie auch schon mal unter der verbreiteten Rechts-/Links-Schwäche? Rechtsrum oder linksrum: In der Reitstunde können wir ganz schön durcheinander kommen. Und als ob dabei nicht sowieso manchmal etwas schief laufen würde, ist auch noch das Pferd selbst schief! Rechts oder links hohl, rechts oder links schief, rechtshändig oder linkshändig? Was denn nun?

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Natürliche Schiefe
Aktuelle Studien plus Test Die natürliche Schiefe von Pferden
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Bei der Schiefe sind sich sogar die alten Reitmeister nicht einig. Um Antworten zu finden, haben wir mit Fachleuten gesprochen, Reitlehren gelesen und wissenschaftliche Arbeiten studiert.

Warum sind Pferde von Natur aus schief?

Genau wie bei uns Menschen sind unsere beiden Körperhälften nicht völlig gleich. Das betrifft zum Beispiel die Organe: Sie sind mal mehr links, mal mehr rechts und auch noch unterschiedlich groß.

Natürliche Schiefe
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Solange das Pferd geradeaus läuft, ist das kein Problem. Doch auf gebogenen Linien kommt es aus der Balance. Es muss sich auf einem Vorderbein abstützen und mit dem Hals gegensteuern.

Barbara Welter-Böller, Leiterin der Fachschule für Osteopathische Pferdetherapie (www.welter-boeller.de) vermutet, dass der Blinddarm das Pferd schief macht. Denn der liegt beim Pferd komplett auf der rechten Seite. "Er fasst 30 bis 70 Liter", so die Pferdeosteopathin. Das ist, als ob rechts mehrere Wassereimer am Pferd hängen würden." Tierärztin Dr. Katharina Rehren (www.the-whole-horse.de) schließt nicht aus, dass ein gefüllter Blinddarm Einfluss darauf hat, wie sich das Pferd bewegt. Sie zweifelt aber, dass alleine darin die Ursache der natürlichen Schiefe liegt. Denn zum einen seien nicht alle Pferde zur gleichen Seite hin schief und zum anderen sei die Schiefe unterschiedlich stark ausgeprägt.

In einer Studie untersuchte die Tierärztin, wie symmetrisch Pferde laufen. "Von Beginn der Reiterei an ist bekannt, dass Pferde sich schief bewegen. Heute nehmen wir an, dass dieses Phänomen mit der Lateralität der Pferde zusammenhängt", erklärt sie.

Mit Lateralität bezeichnen Wissenschaftler die Vorliebe für eine Seite. Ob ein Pferd lieber mit dem linken Vorderbein antritt (motorische Lateralität) oder mit dem linken Ohr einem Geräusch lauscht (sensorische Lateralität), ist Kopfsache. Denn das Gehirn sortiert alle Informationen zur Weiterverarbeitung nach links oder nach rechts. Die rechte Gehirnhälfte ist zuständig für emotionale Reaktionen, die linke Hälfte kümmert sich um Rationales. Informationen, die auf einer Seite im Gehirn ankommen, werden als Befehle an die jeweils andere Körperseite gesendet.

In diesem Zusammenhang machten die Forscher Isabell Marr, Kate Farmer und Konstanze Krüger 2018 eine spannende Entdeckung: Pferde, die lieber mit dem rechten Vorderbein aus dem Stand antreten, sind optimistischer als Pferde, die zuerst mit links loslaufen. Vermutlich gehen die Rechtsstarter an neue Reize positiver heran, weil sie von der linken Hirnhälfte gesteuert werden.

Die Lateralität ist auch ein möglicher Grund dafür, dass Pferde eher vor Dingen scheuen, die sie mit dem linken Auge wahrnehmen. Mit dem rechten Auge schauen sie lieber neutrale unbewegliche Dinge an und mit dem linken Auge negativ besetzte bewegliche Dinge, zeigte eine Studie von Julia Osterholz von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (2016). Die meisten Pferde nähern sich Objekten am liebsten mit dem linken Auge (Farmer et al. 2010).

Für das Pferd kann die Lateralität lebensrettend sein, erklärt Dr. Katharina Rehren: "Das einzelne Tier denkt nicht lange nach, in welche Richtung es flüchtet, sondern läuft einfach los." In der Herde könnte die Lateralität sogar dafür sorgen, dass die Pferde bei Gefahr nicht in alle Richtungen auseinanderschießen, sondern gemeinsam die "geordnete Flucht" antreten. Aber müssten dann nicht alle Pferde gleich schief sein?

Sind die meisten Pferde rechts oder links schief?

Reitmeister François Robichon de la Guérinière war der Meinung, dass Pferde leichter nach links zu biegen seien. James Fillis hielt das Verhältnis von links- und rechtsgebogenen Pferden für ausgeglichen. Beatrix Schulte Wien (www.osteopathiezentrum.de), Leiterin des Deutschen Instituts für Pferde-Osteopathie, und Pferdeosteopathin Barbara Welter-Böller begegnen häufig rechts hohlen Pferden.

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Oft stellen grasende Pferde ein Vorderbein lieber nach vorne.

Wissenschaftler von der Universität Limerick in Irland fanden 2005 heraus, dass die meisten Stuten sich lieber rechtsherum bewegen und männliche Pferde eher linkslastig sind. 2008 stuften sie in einer weiteren Studie mit 219 Pferden unabhängig vom Geschlecht 104 Tiere als Linkshänder ein und 95 als Rechtshänder. 20 Pferde hatten keine Lieblingsseite.

Verwirrend: Wenn Reiter von der guten und der schlechten Hand sprechen, untersuchen Wissenschaftler rechts- und linkslaterale Pferde. Der Unterschied: Während Reiter aus dem Gefühl im Sattel beurteilen, wie schief ihr Pferd ist, schauen Wissenschaftler nach, zu welcher Seite ein Pferd lieber abwendet oder mit welchem Vorderbein es am liebsten losläuft. "Was ein Linkshänder und ein Rechtshänder ist, ist für Vierbeiner bis dato wissenschaftlich nicht definiert", meint Dr. Katharina Rehren.

Was ist die hohle und die steife Seite, was ein Rechtshänder und ein Linkshänder?

Wir haben uns dafür entschieden, die Schiefe anatomisch zu erklären – übereinstimmend mit dem, was klassische Dressurausbilder beobachten und beschreiben. Denn so leuchtet schnell ein, warum ein Pferd sich auf einer Hand anders anfühlt als auf der anderen.

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Schiefe zeigt sich langfristig sogar an den Hufen. Experten vermuten, dass der Vorderhuf des Beins, auf dem das meiste Gewicht lastet, flacher und breiter wird.

Durch die natürliche Schiefe stehen Schulter- und Beckengürtel nicht ganz parallel zueinander. Deshalb ist der Rumpf des Pferds leicht zu einer Seite gekrümmt. Diese definieren wir als hohle Seite, die andere als die steife Seite.

Die Hinterbeine fußen leicht versetzt zur hohlen Seite. Sie laufen "aus der Spur", weil der Schwerpunkt des Pferds nicht exakt in der Körpermitte liegt, sondern in Richtung eines Vorderbeins verschoben. Deshalb trägt ein Vorderbein naturgemäß mehr Last. Wir definieren: Trägt das linke Vorderbein mehr Gewicht, ist das Pferd ein Linkshänder, trägt das rechte Vorderbein mehr Gewicht, ist es ein Rechtshänder. Ein rechts hohles Pferd bezeichnen wir daher als Linkshänder.

Mit seinem Hals als Balancierstange möchte das Pferd seine Schiefe ausgleichen. Dazu verlagert es seine Halsbasis gerne zur steifen, den Kopf aber zur hohlen Seite.Solange das Pferd geradeaus läuft, kann es sich so gut ausbalancieren. Soll es aber einen Reiter tragen, gerät es in Schwierigkeiten.

Warum darf ein Reitpferd nicht einfach schief bleiben?

In der Reitbahn muss das Pferd in den Ecken abwenden und soll auch auf gebogenen Linien laufen. Es hat nun ein Problem: Es muss nicht nur sich selbst ausbalancieren, sondern auch mit seinem "Gepäck" einen gemeinsamen Schwerpunkt finden.

Ohne Reiter hat sich das Pferd, wenn es sein Gleichgewicht zu verlieren drohte, auf seinem händigen Vorderbein abgestützt und mit dem Hals gegengelenkt. Das möchte es jetzt auch tun. Also verlagert es den gemeinsamen Schwerpunkt in Richtung des händigen Vorderbeins.

Wie sich dadurch die Last auf die vier Pferdebeine verteilt, beschreiben etwa die Dressurausbilder Philippe Karl ("Irrwege der modernen Dressur") und Dr. Thomas Ritter ("Klassisches Reiten auf Grundlage der Biomechanik") übereinstimmend so: Auf dem Hinterbein der hohlen Seite liegt die geringste Last. Weil es seitlich versetzt auffußt, muss das händige Vorderbein das Gewicht abfangen. Dort lastet das meiste Gewicht. Das Hinterbein auf der steifen Seite schiebt mehr, tritt aber kürzer. Das Hinterbein auf der hohlen Seite greift weiter vor, läuft aber neben dem Körper her.

Beide Hinterbeine arbeiten also zu wenig: Das eine tritt nicht genug unter die Last und das andere tritt an der Last vorbei.

Was passiert, wenn der Reiter sein Pferd nicht geraderichet?

Weil das Pferd wegen seiner Schiefe die Beine ungleich belastet, ist der Pferdekörper vor allem auf gebogenen Linien ungleichen Kräften ausgesetzt. Versucht das Pferd, diese abzupuffern, verspannt es die Muskulatur. Es kommt zu Fehlhaltungen und Überlastungen.

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Die Reiterin sitzt auf einem rechts hohlen Pferd. Das spiegelt auch ihr Sitz: Ihre rechte Hüfte sackt ab und das rechte Bein schmiegt sich besser an den Pferdebauch an.

"Das Pferd arbeitet sich immer mehr in die Schiefe hinein", erklärt Pferdeosteopathin Barbara Welter-Böller. Deshalb hadert sie mit der Ausbildungsskala der FN: "Es ist nicht gesund für das Pferd, wenn es Schwung entwickeln soll und erst danach geradegerichtet wird."

Barbara Welter-Böller etwa bemerkt häufig, dass vor allem das Hinterbein auf der hohlen Seite überbelastet ist. "Dort können kleine Muskelrisse und Fesselträgerreizungen entstehen."

Beatrix Schulte Wien beobachtet, dass über dem händigen Vorderbein oft Schulter- und Oberarmmuskeln verspannt sind. Die überlasteten Muskeln verhärten sich und drücken dabei auch die kleinen Blutgefäße ab. Dadurch kann das Bindegewebe verkleben, was durch manuelle Behandlungen gelöst werden muss.

Gibt es äußerliche Hinweise auf die Schiefe?

Optisch fällt am schiefen Pferd auf, dass die Schulter- und Brustmuskulatur über dem händigen Vorderbein stärker ausgeprägt ist, die Schulterspitze liegt dort oft höher. Das Becken des Pferds ist auf der hohlen Seite etwas tiefer. Das händige Vorderbein sei oft rückständig, sagt Pferdeosteopathin Barbara Welter-Böller.

Die Wissenschaftler aus Limerick, die 2008 vierhufige Rechts- und Linkshänder untersuchten, entdeckten einen spannenden Hinweis im Fell: Pferde, die sie als Linkshänder einstuften, hatten einen Wirbel auf der Stirn, in dem die Haare nach links wuchsen; bei Rechtshändern war es genau andersherum. Pferde, die keine Seite bevorzugten, hatten entweder zwei Wirbel in entgegengesetzter Richtung oder einen Wirbel, aus dem die Haare sternförmig verliefen.

2016 fanden auch die amerikanischen Wissenschaftler Chelsey Shivley, Mark Deesing und Temple Grandin heraus: Pferde, die nach rechts flüchten, haben meist Haarwirbel im Uhrzeigersinn. Pferde, die nach links weglaufen, haben Wirbel gegen den Uhrzeigersinn.

Dass die Mähne zur hohlen Seite fällt, wird in vielen Reitlehren beschrieben. Tierärztin Dr. Katharina Rehren untersuchte für ihre Studie zwar nur 14 Pferde, kann dies aber bestätigen. Biegt sich das Pferd zu beiden Seiten gleich gut, fällt auch die Mähne auf beide Seiten.

In einem weiteren Test untersuchte die Tierärztin, welches Vorderbein Pferde beim Grasen lieber nach vorne stellen. Ihr Ergebnis: Das Bein, das beim Weiden nach vorne gestellt wird, trägt im Trab mehr Last als das andere. Gibt es keinen bevorzugten "Weideschritt", werden auch die Vorderbeine gleichmäßig belastet.

Zum Lieblingsvorderbein haben bereits niederländische Forscher 2006 eine Studie veröffentlicht: Fast die Hälfte von 24 Fohlen wurde als händig erkannt. Sie stellten beim Grasen entweder das linke oder das rechte Bein nach vorne – das Verhältnis war übrigens ausgeglichen.

Dr. Katharina Rehren prüfte auch, zu welcher Seite Pferde am liebsten ihre Hinterhand verschieben – ein einfacher Hinweis darauf, auf welcher Seite das Pferd hohl ist. Dennoch sagt sie: "Wenn ich nur überprüfe, zu welcher Seite ein Pferd seine Hinterhand verschiebt und zu welcher Seite es seinen Hals biegt, stelle ich ganz viele Varianten fest." Um bestimmen zu können, wie händig oder wie schief ein Pferd ist, sollten also mehrere Merkmale zusammenpassen.

Können Reiter fühlen, wie schief ihr Pferd ist?

Reiter spüren, dass ihr Pferd sich auf einer Seite leichter biegt, oder dass das Pferd auf einer Hand oft im falschen Galopp anspringt. Zirkel fallen oft auf der einen Hand größer und auf der anderen Hand kleiner aus.

Die Wissenschaftlerin Dr. Sandra Kuhnke konnte bestätigen, dass Reiter oft richtig liegen. Sie hat 2019 eine groß angelegte Studie veröffentlicht mit 1.286 Pferden und 686 Reitern, die online befragt wurden. 90 Prozent der Reiter erkannten, zu welcher Seite hin ihre Pferde die Hinterhand verschoben.

Bei weiteren über 6.000 Pferden wurden mit bekannten Methoden (etwa Mähnenfall, Stirnwirbel, Weideschritt, bevorzugter Renngalopp, bevorzugtes Auge, Abweichung der Hinterhand) versucht, deren Händigkeit zu bestimmen. Die am Boden ermittelten Ergebnisse stimmten hier nicht mit dem überein, wie Reiter ihre Pferde einschätzten.

Dr. Katharina Rehren stellte fest, dass Reiter mit ihren Vermutungen oft falsch lagen. Ihr Schluss: "Sicherlich gibt es viele Faktoren, die den Eindruck des Reiters verfälschen können."

Und wenn die Schiefe nicht natürlich ist?

Experten gehen davon aus, dass es bei Pferden auch eine erworbene Schiefe gibt. "Ein unpassender Sattel oder eine Verletzung können dazu führen, dass sich das Pferd nicht mehr symmetrisch bewegt", sagt Pferdeosteopathin Beatrix Schulte Wien. Doch häufig sei der Reiter Auslöser dafür, dass sein Pferd nicht in Balance kommt.

"Es ist ein Riesenproblem, dass viele Reiter selbst schief und unbeweglich sind," beklagt Schulte-Wien. Der Humanmediziner Dr. Dieter Sielmann sagt sogar: "Als schiefer Mensch sollte man kein Pferd reiten" und bietet deshalb gezielte Therapien für Reiter an (www.dr-sielmann.de).

Dr. Sandra Kuhnke fand heraus, dass rechtshändige Reiter mit ihrer rechten Hand mehr am Zügel zogen und sie linkshändige Pferde mit mehr Zügelspannung ritten als rechtshändige Pferde. Linkshänder konnten sich auf links- und rechtshändige Pferde gleich gut einstellen. Zwischen Pferd und Reiter harmoniert es demnach am besten, wenn beide die gleiche Händigkeit haben. Rechtshändige Reiter könnten davon profitieren, ihre Koordination zu verbessern, zum Beispiel, indem sie viele verschiedene Pferde reiten.

Abgesehen von geraderichtenden Lektionen, die dem Pferd nicht nur auf der vermeintlichen Schokoladenseite helfen, rät Beatrix Schulte-Wien, die auch Human-Physiotherapeutin und Amateur-Reitlehrerin ist, Reitern, auch etwas gegen ihre eigene Schiefe zu tun. Unabhängig davon können sie ihr Pferd unterstützen: Dazu gehöre etwa ein gut sitzender Sattel mit Bewegungsfreiheit für den Reiter ("Flachsitzer mit wenig Pauschen"). Und: "Wir müssen warten, bis das Pferd bei korrekter Hilfengebung von sich aus an den Zügel herantritt. Dabei dürfen wir nicht gleich so schwer im Sattel sitzen."

Für Dr. Katharina Rehren ist es wichtig, dass Reiter wissen, wie sich ihr Pferd bewegt. "Dann kann ich ihm im Rahmen einer pferdegerechten Ausbildung vermitteln, dass es sich auch anders bewegen kann. Das ändert zwar nicht seine Präferenz, nimmt ihm aber Stress und Spannungen." Ein immenser Fortschritt!

Kommentar

Zur Schiefe des Pferds gibt es viele Ansätze und Theorien. Wer sich tiefer damit beschäftigt, rauft sich bald die Haare. Das Problem: Es gibt keine allgemeingültigen Definitionen von Schiefe und Händigkeit. Dazu macht es noch einen Unterschied, ob das Pferd aus körperlichen Gründen eine Seite bevorzugt oder weil es sinnesgesteuert schnell reagieren muss.

Nadine Szymanski
Lisa Rädlein
Nadine Szymanski, CAVALLO-Redakteurin.

Dennoch gibt es genug Checkpunkte, die uns Reitern helfen herauszufinden, wie schief unser Pferd ist. Wir können ruhig auf unser eigenes Gefühl vertrauen – wenn wir im Hinterkopf haben, dass wir auch selbst selten ganz symmetrisch im Sattel sitzen. Was hilft: Fremde Pferde reiten oder auch mal einen anderen Reiter aufs eigene Pferd lassen. Dann zeigt sich schnell, ob das Pferd oder der Reiter schief ist. Nadine Szymanski, CAVALLO-Redakteurin

Blick ins schiefe Pferd

Wenn die Muskeln unterschiedlich ausgeprägt sind, können sie das Pferd in Fehlhaltungen zwingen.

Ohne Reiter auf dem Rücken stützt sich das Pferd, wenn es sein Gleichgewicht zu verlieren droht, auf seinem händigen Vorderbein ab und lenkt mit seinem Hals als Balancierstange gegen.

Das möchte es jetzt – mit Reiter – auch tun. Also verlagert es den gemeinsamen Schwerpunkt in Richtung des händigen Vorderbeins. Dieses Bein trägt nun das meiste Gewicht.

Beispiel links hohles Pferd: Weil das linke Hinterbein seitlich neben dem Körper spurt und damit kaum schiebt, landet mehr Gewicht auf dem rechten Vorderbein. Um im Gleichgewicht bleiben zu können, muss das Pferd die rechte Brust- und Schultermuskulatur anspannen.

Die Wirbel im Genick-, Hals-, Brust- und Lendenbereich sind nur in bestimmte Richtungen beweglich

Das Hinterbein der hohlen (nichthändigen) Seite trägt den kleinsten Lastanteil. Das Vorderbein der steifen Seite trägt die größte Last. Vor allem auf gebogenen Linien ergeben sich große Kräfte, die auf den Pferdekörper wirken. Unter dem Reiter wird das noch verstärkt.

Das Pferd versucht, diese Kräfte muskulär abzufangen und beginnt sich dabei zu verspannen. Dabei kommt es zu gegenläufigen Rotationen in der Hals- und Brustwirbelsäule. Sie machen es dem Pferd dann nicht nur auf der steifen Seite unmöglich, den Rücken aufzuwölben oder sich zu biegen, sondern auch auf der hohlen Seiter.

Weil die kleinen Facettengelenke der Wirbelsäule überlastet sind, entwickeln sich Mikroentzündungen und Blockaden.

Der Schiefen-Check – Das links hohle Pferd

Natürliche Schiefe
Lisa Rädlein
Das links hohle Pferd hängt auch im Stand auf der rechten Schulter.

Was der Reiter spürt:

• Das Pferd biegt sich lieber nach links und wendet leichter nach links ab.

• Es vergrößert Linkswendungen über die rechte Schulter und biegt dabei den Hals nach links. Rechtswendungen verkürzt es und fällt dabei auf die rechte Schulter. Dabei nimmt es den Kopf nach links.

• Das Pferd galoppiert lieber auf dem linken Fuß.

• Mehr Kontakt am rechten als am linken Zügel.

• Das Gesäß des Reiters sackt links ab. Beim Leichttraben auf der rechten Hand wird der Reiter automatisch auf den falschen Fuß gesetzt.

Wie das Pferd sich bewegt:

• Das linke Hinterbein spurt seitlich vom Körper. Es trägt den geringsten Lastanteil. Das rechte Hinterbein tritt kürzer und langsamer. Es schiebt etwas mehr, aber trägt nicht genug. Das rechte Vorderbein trägt den größten Lastanteil.

• Die Schultern neigen dazu, nach rechts auszuweichen. Die Hinterhand neigt dazu, nach links auszuweichen.

• Das Pferd trägt den Kopf mehr rechts und biegt seinen Hals mehr nach links.

• Das Pferd fällt vermehrt auf die rechte Schulter.

Was optisch auffällt:

• Die Mähne fällt nach links.

• Das rechte Vorderbein ist rückständig.

• Die rechte Schulter ist stärker bemuskelt und steht höher. Das linke Becken steht tiefer.

• Das Pferd stellt beim Grasen das rechte Vorderbein nach vorne.

Das rechts hohle Pferd

Natürliche Schiefe
Lisa Rädlein
Ein rechts hohles Pferd: Die Halsbasis ist zur steifen Seite hin verlagert. Das Gewicht liegt auf dem linken Vorderbein.

Was der Reiter spürt:

• Das Pferd biegt sich lieber nach rechts und wendet leichter nach rechts ab.

• Es vergrößert Rechtswendungen über die linke Schulter und biegt dabei den Hals nach rechts. Linkswendungen verkürzt es und fällt dabei auf die linke Schulter. Dabei nimmt es den Kopf nach rechts.

• Das Pferd galoppiert lieber auf dem rechten Fuß.

• Mehr Kontakt am linken als am rechten Zügel.

• Das Gesäß des Reiters sackt rechts ab. Beim Leichttraben auf der linken Hand wird der Reiter automatisch auf den falschen Fuß gesetzt.

Wie das Pferd sich bewegt:

• Das rechte Hinterbein spurt seitlich vom Körper. Es trägt den geringsten Lastanteil. Das linke Hinterbein tritt kürzer und langsamer. Es schiebt etwas mehr, aber trägt nicht genug. Das linke Vorderbein trägt den größten Lastanteil.

• Die Schultern neigen dazu, nach links auszuweichen. Die Hinterhand neigt dazu, nach rechts auszuweichen.

• Das Pferd trägt den Kopf mehr links und biegt seinen Hals mehr nach rechts.

• Das Pferd fällt vermehrt auf die linke Schulter.

Was optisch auffällt:

• Die Mähne fällt nach rechts.

• Das linke Vorderbein ist rückständig.

• Die linke Schulter ist stärker bemuskelt und steht höher. Das rechte Becken steht tiefer.

• Das Pferd stellt beim Grasen das linke Vorderbein nach vorne.

Weisheiten

Pferde sind rechts hohl, weil dort der Blinddarm sitzt. Der gefüllte Blinddarm beeinflusst die Schiefe des Pferds, sagt Pferdeosteopathin Barbara Welter-Böller.

Die meisten Pferde sind Linkshänder. Bis ins 19. Jahrhundert vertraten die Reitmeister diese These. Nur James Fillis hielt das Verhältnis von Rechts- und Linkshändern für ausgeglichen. Forscher kommen zu verschiedenen Ergebnissen.

Die Mähne fällt zur hohlen Seite. In der Reitliteratur vorherrschende Meinung, die eine Studie der Tierärztin Dr. Katharina Rehren (2018) bestätigt.

Die Richtung der Fellwirbel auf der Stirn verrät, ob ein Pferd Links- oder Rechtshänder ist. Ergebnis einer Studie von 2008, die Forscher der Universität Limerick mit 219 Galoppern durchführten.

Auf der hohlen Seite sind die Muskeln verkürzt. Deshalb kann sich das Pferd auf der steifen Seite schlechter biegen, heißt es. Ob die hohle Seite auch die händige Seite ist, ist wissenschaftlich nicht geklärt.

Jedes Pferd ist von Natur aus schief. Die Schiefe des Pferds ist ein bis heute beobachtetes Phänomen, das schon in frühen Reitlehren beschrieben wurde.

Die Lage des Fohlens im Mutterleib bestimmt, ob es später nach links oder nach rechts gebogen ist. Ob die natürliche Schiefe dadurch verursacht wird, ist nicht wissenschaftlich belegt.

Lese-Tipps zum Thema:

Dr. Thomas Ritter: Klassisches Reiten auf Grundlage der Biomechanik.

Gabriele Rachen-Schöneich, Klaus Schöneich: Die Kraft der Diagonalen.

U. König von Borstel, S. Kuhnke (2010): A comparison of rein tension with methods to determine equine laterality.

K . Rehren (2018): Untersuchung der Schiefe des Pferdes. Symmetrie von Bewegungsablauf und Hufbelastung.

I. Marr; K. Farmer; K. Krüger (2018): Evidence for right-sided horses being more optimistic tan left-sided horses.

S. Kuhnke (2019): Horse’s laterality. methods of determination, genetic aspects, interaction with human handedness and the influence on horserider communication, horse’s muscle status, sport success and risk of injury.

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