Wie aus einem Guss wirken Vicky Telgen und ihr Pferd Drunky. Das Paar galoppiert auf den Sprung zu – und hebt scheinbar mühelos ab. Souverän! Kaum zu glauben, dass die Reiterin eine ganz eigene Geschichte mit der Angst vorm Springen hat. Doch bei jeder höheren Klasse gehen ihr bis heute die Nerven durch. Auch für die Familie am Rand eine Zerreißprobe. Ihre Mutter Ariane Telgen sagte früher oft: "Vicky, du musst das doch nicht machen. Hör doch einfach auf damit!"

Aber Victoria Telgen wollte nicht aufgeben. Die Leidenschaft fürs Springen war stets größer als die Angst. Heute startet die 16-Jährige bereits in S-Springen. Ihr Ziel? "Im roten Jackett für Deutschland starten und internationale Turniere reiten. Das wäre schon toll." Während andere 16-Jährige die Schulbank drücken, sitzt Vicky schon mal im Parcours auf dem Pferd. Denn die hohen Prüfungen finden meistens am Vormittag statt. Die Schülerin startet dabei gegen Berufsreiter. Weil sie im Jugendförderprogramm ist, bekommt sie für Turniere frei. Trotz der sportlichen Höhenflüge und ihrer großen Fangemeinde auf YouTube ist Vicky ein bodenständiger Typ. Das erleben wir beim CAVALLO-Besuch. Wir fahren an endlosen Feldern vorbei. Dann erreichen wir die Abzweigung – und biegen auf den Hof in Menslage. Er liegt an einem Wald. Herzstück ist der weiß umzäunte Reitplatz. Davor parkt ein Pferdetransporter, so groß wie ein Reisebus. Vom Bild an der Seite lächeln Ariane und Vicky herab, Mutter und Tochter. Auf Hof Eicheneck im Emsland trainiert und behandelt Ariane Telgen Pferde. Die Physiotherapeutin und Pferde-Osteopathin nimmt zahlreiche Zuschauer auf YouTube mit in ihren Alltag. Auch Vicky steht seit ihrem zehnten Lebensjahr vor der Kamera. Auf ihrem Kanal "Vickys Pferdewelt" zeigt sie, wie sie trainiert, zu Turnieren fährt und ihre Mutter als Co-Trainerin unterstützt. Die Videos werden millionenfach geklickt.
Sie band ihr Shetty an der Treppe im Haus an
Ob die junge Reiterin mit uns genauso locker plaudert wie vor der Kamera? "Text auswendig lernen und noch etwas drumherum schmücken vor der Kamera – das fällt mir leicht. Aber eigentlich rede ich gar nicht so viel", verrät Vicky. Vor unserem Termin war sie ziemlich aufgeregt, erzählt sie später. Beim Filmen mit dem Kameramann ist das anders: Den kennt sie gut. Es ist Stefan Karp, der Lebensgefährte ihrer Mutter. Seit Vicky sechs Jahre alt ist, wohnen sie gemeinsam auf Hof Eicheneck.

Hier ein Presseteam zu empfangen, ist neu. Doch Vicky taut schnell auf. Denn sobald es um ihre Pferde geht, gibt es viel zu erzählen. Wir müssen sie irgendwann sogar bremsen. Schließlich wollen wir auch noch fotografieren und ihre Pferde kennenlernen. Lange bevor Vicky laufen konnte, saß sie schon auf ihrem Shetty Molly. Ihre Mutter Ariane wollte joggen – und nahm das Baby einfach auf dem Pony mit. "Da war sie erst 18 Monate alt", erzählt sie. Vicky war schon früh völlig verrückt nach Pferden. Mit drei Jahren wachte sie eines Nachts um drei Uhr auf und wollte reiten. Nicht auf dem Stofftier, sondern richtig. Sie stiefelte in den Stall, holte Molly allein aus der Box, führte das Pony ins Haus, band es an der Treppe an. Kann losgehen! "Da habe ich den Einlauf meines Lebens bekommen", erzählt Vicky. Ihre Mutter fand den Alleingang gar nicht lustig.
Schon als Zehnjährige ritt sie die Therapiepferde mit
Mit vier Jahren bestritt Vicky ihren ersten Reiterwettbewerb. Für Molly wurde sie bald zu groß, fürs Endmaßpony auch. Mit sieben Jahren maß sie schon 1,60 Meter, heute sind es 1,90.
Reiten ist für Vicky nicht alles. Sich mit Pferden beschäftigen – das geht auf vielfältige Weise. Sie bringt allen Pferden Zirkustricks bei. Damit begann sie schon als Kind. "Ich habe ihr das nie gezeigt. Das macht sie alles intuitiv", erzählt Ariane Telgen. Ihre Mutter ist trotzdem eine prägende Person. Von ihr bekommt Vicky Reitunterricht und lernt früh, bei der Pferdegesundheit genauer hinzuschauen. Etwas Physio vor dem Reiten? Klingt für andere nach Spezialwissen, gehört für sie zum Alltag. Während der Corona-Zeit geht Arianes YouTube-Kanal durch die Decke. Seither kommen Pferdebesitzer aus ganz Deutschland zum "Drei-Tage-Check" auf Hof Eicheneck. Das Team schaut sich die individuellen Probleme von Pferd und Reiter an und sucht nach den Ursachen. "Wir entwickeln konkrete Lösungsansätze, die dem Pferdebesitzer nachhaltig helfen”, erklärt Ariane Telgen. Sie nimmt die Pferde stationär auf, erstellt eine ausführliche Anamnese, checkt Equipment und Körper. Auch eine Tierärztin schaut mit drauf. Vicky ist häufig dabei. Schon mit zehn Jahren reitet sie die Therapiepferde mit. Kein Wunder, dass sie heute sicher im Sattel sitzt. Vicky holt ihren siebenjährigen Drunky aus dem Offenstall. Die Sportpferde leben artgerecht, können jederzeit auf die Weide und haben Sozialkontakt. Sie wirken zufrieden – und top gepflegt. Der Wallach folgt seiner Reiterin ohne Führstrick zum Putzplatz. Dort steht immer eine Karre mit Heu parat. Die Pferde dürfen jederzeit Raufutter mampfen. Vicky sattelt und trenst mit Bedacht, prüft, ob alles korrekt sitzt. Dann schwingt sie sich in den Sattel, überwindet mit Drunky einige Sprünge fürs Foto und galoppiert mit ihm eine Runde auf der Geländebahn nur mit Halsring. Als nächstes führt sie stolz ihren fünfjährigen Jack vor. Dem Fuchs hat sie alles selbst beigebracht. Ihr Wunsch für die Zukunft: Pferde ausbilden und Sportreiterei. "Aber Klasse statt Masse", betont Stefan Karp, der ihren Weg schon lange mitverfolgt.
Sprung auf ein höheres Level – immer mit Tränen
"Ich hätte alles darauf gewettet, dass jeder Springreiter werden kann – aber nicht Vicky", verrät er. Noch heute fließen bei der Reiterin verlässlich Tränen, wenn sie in einer höheren Klasse startet. Der Respekt vor den Sprüngen ist geblieben.
Das liegt natürlich auch an schmerzhaften Erfahrungen. Als Vicky sieben Jahre alt war, stürzte sie mit einem Pferd schwer. Ihr Oberschenkel war gebrochen, sie saß im Rollstuhl und trug ein halbes Jahr lang Gips. Für ihre Mutter war das mehr als nur ein Schreckmoment. "Ich wollte alle Pferde abschaffen", sagt sie. Aber Vicky stieg wieder in den Sattel und wollte auch unbedingt wieder springen. "Aber dann habe ich mich im letzten Moment vorm Hindernis nicht getraut", erzählt die junge Reiterin. "Stattdessen habe ich lieber acht Volten davor gedreht." So verweigerte irgendwann auch ihr verlässlichstes Pferd. Als sie schließlich in einen Sprung stürzte, pausierte sie erneut. Die Angst vorm Springen war zu groß. Bis sie Campi kennenlernte. In der Verkaufsanzeige des Wallachs stand: "Lebensversicherung sucht neuen Möhrchengeber." Ariane und Stefan waren zunächst enttäuscht: Hübsch war der Wallach nicht. Doch Vicky war schockverliebt. Fünf Leute mussten das Pferd beim Probereiten anschieben, damit es überhaupt einen Schritt machte. "Und teuer war er auch noch – aber der war es", sagt Ariane Telgen. Sie war als Mutter einfach froh, ihre Tochter sicher auf einem Pferd zu wissen. Mit Campi berappelte sich Vicky. Auch, als der Wallach sich zu Hause überraschenderweise als schreckhaft entpuppte. Also arbeitete sie mit ihm an seiner Gelassenheit: Fahnen schwenken, immer wieder neue Reize setzen. Und Mutter Ariane arbeitete an der Gelassenheit ihrer Tochter. Mit Galoppstangen trainierte sie akribisch Rhythmus und Absprung. "Das war so nervig", frotzelt Vicky. Mutter und Tochter fetzten sich auch mal ordentlich beim Training. Aber Vicky bekam eine solide Basis, entwickelte ein gutes Auge für den Absprung – und so viel Vertrauen, dass sie wieder Turniere ritt. Trotzdem bleibt jeder Start eine emotionale Herausforderung.
Mit Stil und gekonnten Wegen zum Sieg
Umso beeindruckender, dass Vicky schon bald im Stilspringen überzeugte und eine Schleife nach der anderen holte. Beim OLB-Cup ritt sie sogar mit zwei Pferden erfolgreich, mit Campi und ihrem aktuellen Pferd Chapeau. Am Ende von drei langen Turniertagen fand noch ein Zeitspringen statt. Ihre Turniercrew wollte sie überreden, die Prüfung ausfallen zu lassen. Vicky und eine Chance im Zeitspringen? No way, dachten alle. Sie war zwar immer mit Stil – aber äußerst langsam unterwegs. Doch der Gegenwind stachelte den Ehrgeiz der jungen Reiterin an. Sie verkündete: "Das reite ich – und das gewinne ich." Statt aufs Gaspedal zu drücken, schlug sie ungewöhnliche Wege ein, wendete direkt nach einem Hindernis – und holte so acht Sekunden Vorsprung raus. "Der Richterin ist vor Staunen das Mikro aus der Hand gefallen", berichtet ihre Mutter stolz. Und mit der Prüfung begann eine erfolgreiche Serie.
Dann folgte 2026 ein harter Schlag: Herzenspferd Campi starb nach kurzer, schwerer Krankheit. Das Pferd, mit dem Vicky sich aus ihrer Angst herausgearbeitet hat, war plötzlich nicht mehr da. Doch Vicky biss auf die Zähne. Was sie auf Campi gelernt hat, davon profitieren heute ihre Sporthoffnungen Drunky und Chapeau. Und von ihren klaren Prioritäten: In den Sommerferien zieht Vicky es vor, die Pferde zu trainieren statt in den Urlaub zu fahren. Und macht nebenbei ein Praktikum auf dem Hof. Sie arbeitet im Büro, heftet Belege ab und schreibt einen Bericht. Für Vicky gehört das Training zum Tag so selbstverständlich dazu wie das Aufstehen. Sie muss stets früh raus. Auf dem Land fährt der Bus nur einmal pro Stunde. Im Sommer reitet sie teils auch vor der Schule, damit die Pferde nicht in der Mittagshitze arbeiten müssen. Dann klingelt der Wecker um vier Uhr. Selbst nach einem solchen Tag steigt Vicky noch aufs Fahrrad und radelt eine Stunde lang zu ihrem Freund. Und was sagen ihre Schulfreunde zu Vickys Pferdevirus? Viele reiten selbst. Doch wenn sie im Sommer an den See wollen und Vicky sagt, dass sie vorher noch aufs Pferd muss, erntet sie schon mal verständnislose Blicke: "Das kannst du doch auch morgen machen." Nach dem Fotoshooting sitzen wir am Tisch mit Blick auf die Pferde. Die 16-Jährige hat noch Häppchen vorbereitet, liebevoll selbst gemacht. Morgen geht’s für Vicky um sechs Uhr aufs Turnier. Wird ihr das wirklich nicht manchmal zu viel? Sie lacht. "Wenn ich im Winter draußen trainiere, dann denke ich schon manchmal: Wäre ich normal, würde ich jetzt auf der Couch sitzen und TikTok schauen. Aber ich sitze auf dem Pferd." Das passt eben einfach!
Kontakt
Victoria Telgen zeigt auf ihrem YouTube-Kanal "Vickys Pferdewelt”, wie sie reitet. Zudem gehört sie als Co-Trainerin zum Team der Pferdephysiotherapie Hof Eicheneck von Ariane Telgen im niedersächsischen Menslage. Mehr Infos findet ihr unter www.pferde.support












