Gift im Saatgut Lisa Rädlein

Untersuchung von Gras-Saatgut auf Schadstoffe

Gift im Saatgut für Pferdewiesen?

Biologin Veronika Vikuk hat Gras-Saatgut auf Schadstoffe untersucht. Die Ergebnisse alarmieren.

CAVALLO: In Ihrer Studie haben Sie 24 Saatgutmischungen auf Epichloë-Pilze untersucht. Diese Pilze können giftige Substanzen bilden, die bei Pferden zu Vergiftungen führen können. Gab es im Vorfeld Hinweise, dass Saatgut davon besonders betroffen ist?

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Gift im Saatgut
Untersuchung Gift im Saatgut für Pferdeweiden?
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Veronika Vikuk: Unsere Forschungsgruppe an der Universität Würzburg unter Leitung von Prof. Dr. Jochen Krauss beschäftigt sich schon länger mit Epichloë-Pilzen in Gräsern. In Neuseeland, Australien und den USA gab es in der Vergangenheit Berichte von Massenvergiftungen durch Giftstoffe, die von diesem Pilz produziert werden.

Gräser wie das Deutsche Weidelgras (Lolium perenne) oder auch der Rohrschwingel (Festuca arundinacea) wurden dort in Monokulturen angebaut. Dadurch konnte sich der Pilz ausbreiten. In Europa gibt es bisher keine Regelung, die die Untersuchung von Tierfutter oder Saatgut auf Epichloë-Infektionen vorschreibt.

Deshalb wollten wir wissen, ob in europäischem, freiverkäuflichem Saatgut Epichloë-Infektionen und Alkaloide nachweisbar sind. Die Saatgut-Produkte, die wir untersucht haben, stammen aus Deutschland und der Schweiz und wurden zwischen März und Mai 2019 von einer Autorin der Studie gekauft.

Sie sind fündig geworden: Sechs der 24 Saatgutmischungen waren mit Epichloë infiziert und vier Mischungen enthielten Substanzen, die für Weidetiere giftig sind. Um welche Produkte handelt es sich?

Zwei der vier Saatgutmischungen mit Ergovalin und Lolitrem B waren Saatgutmischungen für Pferdeweiden (Equitana Universal von Rudloff und eine Pferdeweide-Nachsaat-Mischung aus dem Raiffeisenmarkt). Die Konzentrationen der gemessenen Ergotalkaloide liegen auf einem Level, das für Weidetiere toxisch ist.

Allerdings können die Giftstoffkonzentrationen in der ausgewachsenen Pflanze deutlich variieren. Aus diesem Grund sind hier keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Giftigkeit für Pferde möglich. Um hierüber Klarheit zu bekommen, lassen wir nun die Saatgutmischungen keimen, um die Konzentrationen in den ausgewachsenen Pflanzen messen zu können.

Dennoch sind die bisherigen Ergebnisse für uns ein Warnzeichen, dass Saatgut auf Epichloë-Infektionen untersucht werden sollte, um ein weiteres Ausbringen zu vermeiden.

Zwei Unstimmigkeiten haben uns verwirrt. Zum einen wird in Ihrer Studie zu einem Produkt eine Grassorte aufgeführt, die darin nicht enthalten ist. Zum anderen können wir nicht ganz nachvollziehen, woher das Produkt aus dem Raiffeisenmarkt stammt.

Die falsch genannte Grassorte wird in Kürze korrigiert. Hintergrund war, dass die Angaben auf dem Produkt nicht mit der Online-Produktbeschreibung des Herstellers übereinstimmten. Auf die Ergebnisse unserer Studie hat dieser Umstand jedoch keinen Einfluss.

Woher die "Pferdeweide Nachsaat" aus dem Raiffeisenmarkt stammt, können wir derzeit nicht nachvollziehen. Wir werden das prüfen und baldmöglichst entsprechend korrigieren. Die Unklarheiten zeigen, wie schwierig es für Konsumenten sein kann, beim Kauf von Saatgut genaue Angaben zur Zusammensetzung zu bekommen.

Wie sollten Saatguthersteller und Pferdehalter nun mit Ihren Ergebnissen umgehen?

Den Saatgutherstellern empfehlen wir, dass Epichloë-infizierte Samen mit für Weidetiere giftigen Stoffen möglichst vom europäischen Markt entfernt werden und dass das Saatgut regelmäßig getestet wird. Infiziertes Saatgut, vor allem von Deutschem Weidelgras, sollte nicht auf Weideflächen ausgebracht werden.

Die Konsumenten von Saatgut sollten Informationen zur exakten Zusammensetzung des Saatguts und dessen Infektion erhalten. Dennoch sollte man beachten, dass Epichloë-Pilze in Europa heimisch sind und auf jeder Wiese vorkommen können. Sie sind erstmal nicht gefährlich.

Auch produzieren nicht alle Epichloë-Pilze Giftstoffe für Weidetiere. Außerdem kommt es zu einem Verdünnungseffekt der Giftstoffe in artenreichen Wiesen oder wenn Kulturen mit ausgebracht werden, die nicht infiziert sind. Es kann unserer Einschätzung nach nur dann problematisch werden, wenn sie sich zu sehr verbreiten, etwa in Monokulturen oder aufgrund zunehmender Trockenheit. Darauf wollen wir mit unserer Studie aufmerksam machen.

Die Expertin Veronika Vikuk ist Biologin und gehört zur Forschungsgruppe über Endophytengifte an der Universität Würzburg. 2019 untersuchte sie europäische Gras-Saatgut-Produkte auf Endophyten-Infektionen und Endophytengifte. Die Ergebnisse der Studie wurden im April 2020 veröffentlicht: biozentrum.uni-wuerzburg.de

Unser Fazit:

Durch die Nachsaat von Hochleistungsgräsern wie Deutschem Weidelgras und den Klimawandel beginnt sich die Weidelandschaft in Deutschland zu verändern. Endophyten könnten zum Problem werden. Pferde brauchen artenreiche, magere Wiesen, um gesund zu bleiben. Greifen Sie daher nur zu Saatmischungen mit genauen Inhaltsangaben auf dem Etikett.

Ideal: viele heimische Gräser, möglichst kein Deutsches Weidelgras und keine Gräser, die als Rasentyp gekennzeichnet sind. Die Herkunft der Saaten zu ermitteln, kann schwierig sein. So konnten wir zum Studienergebnis aufgrund unklarer Angaben nur einen der beiden betroffenen Hersteller um Stellungnahme bitten. Die Firma Rudloff hat leider nicht reagiert. Sobald der Hersteller des Raiffeisen-Produkts bekannt ist, werden wir selbstverständlich auch dort nachfragen.

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