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Klassik-Ausbildung mit Jean-Claude Racinet

Kasus Knacktus: Der Sitz des Reiters

Der französische Ausbilder Jean-Claude Racinet gab einen seiner seltenen Kurse in Deutschland. Für CAVALLO sahen die Klassik-Ausbilder Walburg Monn und Axel Schmidt in Karlsruhe zu.

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Jean-Claude Racinet ist eine Kapazität. Daran gibt es nichts zu deuteln. Er ist unbeeinflusst von Moden, bietet keine Lobhudelei, stattdessen klare, harte Ansagen: „Was ist zu tun? Was ist zu ändern?“

Er setzt sich nicht groß in Szene, sondern arbeitet. Sehr positiv fiel uns auf, dass er nicht am Pferd herumdeutelte, sondern am Reiter arbeitete. Mit dessen verbessertem Sitz und verbesserten Hilfen veränderte sich auch das Pferd. Das ist für uns der Kasus Knacktus: 70 Prozent eines guten Unterrichts bestehen aus Sitzkorrekturen und dem Verbessern der Hilfen.

Philippe Karl hat stärker als Racinet das Pferd im Auge, weil er argumentiert: Ein Pferd, das flüssiger geht, läßt auch den Reiter besser sitzen. Damit hat er sicher recht. Trotzdem ist aus unserer Sicht die Arbeit am Reiter, wozu auch die Sitzlonge gehört, das Elementare – übrigens eine Einstellung, die auch Reitmeister Egon von Neindorff konsequent verfolgte.

Auffällig bei Philippe Karl ist das häufige Loben der Pferde. Das kam bei Racinet ein wenig zu kurz.

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Der Unterricht: Harte Arbeit am Reiter

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Racinet demonstriert den eisernen Daumen: Durch seinen Druck auf den Zügel bekommt das Pferd die Parade.

So hat Phillipe Karl beispielsweise mal einen gerade schlecht reitenden Kursteilnehmer gefragt, wie lange er denn schon reite. „Sagen Sie es mir ganz leise in Ohr“, forderte Karl ihn auf. Der Mann wisperte „30 Jahre“. Darauf trompetete Karl empört über sein Mikro in die Halle: „30 Jahre!“ Der Mann hat sich zu Tode geschämt.

Das macht aber nichts, so lange am Ende besseres Reiten steht. Was uns bei Racinet außerordentlich gut gefallen hat, war seine Arbeit an den Grundlagen. Damit sie ihren kleinen Braunen beruhigt, ließ Racinet eine Reiterin ganz banale Dinge tun: Übungen im Schritt wie Paraden, diagonale Hilfen, Schritt-Trab Übergänge. Dann sollte die Reiterin nur durch Druck des Daumens Paraden geben.

Das Pferd beruhigte sich. Darauf kam von Racinet der Satz: „Was ich eben gemacht habe, war für das Pferd langweilig, war für mich langweilig, und es war für die Zuschauer langweilig. Aber es war nötig.“

Dieser Satz hat uns ungeheuer beeindruckt. Hochachtung. Diese Aussage war hervorragend. Und weil Racinet – wie Karl – wirklich konzentriert arbeitet, sieht man ihm am Ende des Kurses auch an, dass er ausgepowert ist und die Schnauze voll hat. Das gehört auch zu der Ehrlichkeit, die wir schätzen, statt die ganze Zeit euphorisch etwas vorzugaukeln.

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Zwiespältig: Das Reiten mit extrem langen Bügeln

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Die Reiter hatten durch die extrem langen Bügel keine Möglichkeit mehr, zu federn; die Hüfte wurde fest. Manche Pferde fielen deshalb aus. Dabei kann man die Beine auch in kurzen Bügeln lokker lassen, wie Egon von Neindorff sehr nachdrücklich lehrte und demonstrierte.

Damit kommt gleich der zweite Kritikpunkt: Für unsere Begriffe ist Racinets ständige Kritik an der deutschen Reiterei – keine feinen Hilfen, Festhalten am Zügel, klemmende Schenkel, vorne bremsen, hinten treiben – falsch. Es ist ärgerlich, dass er die deutsche und französische Reiterei gegeneinander stellt, weil das unfair ist: Schlechtes Reiten ist nicht die deutsche Reitlehre.

Und wenn Racinet fordert, das die Hilfen ständig verfeinert werden müssen, vertritt er nichts anderes als traditionelle deutsche Reitlehre. Liest man die Klassiker von Waldemar Seunig über Felix Bürkner, Richard Wätjen oder Egon von Neindorff („Keine treibende Hilfe mit festgestellter Hand“), schaut dann noch in die Heeresdienstvorschrift (HDV) von 1926, wird da genauso das Verfeinern der Hilfen gefordert wie bei den französischen Klassikern.

Dass viele Reiter das nicht umsetzten, und dass auf Turnierplätzen falsch geritten wird, liegt nicht an der deutschen Reitlehre, sondern an ihrer vollkommen falschen Interpretation. Da ist die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ganz schwer gefordert, hier gegenzusteuern.

Schaut man in die deutsche Reitlehre, findet man auch die momentane hohe Hand – siehe Waldemar Seunings Werk „Am Pulsschlag der Reitkunst“, wo er das einseitige Anheben der Hand und das Abbiegen des Pferds in der Ganasche fordert, um das Kauen anzuregen. Das ist also gar kein Markenzeichen der französischen Reitkunst. Hier müssen wir daher ganz dringend mit einem Mythos aufräumen: Die hohe Hand, kurzfristig bei Bedarf eingesetzt, um Maul und Genick zu lösen und das Pferd auf den Hinterfuß zu bringen, gehört zu den Grundlagen der klassischen Reitkunst. Und die ist weder deutsch, noch französisch, noch iberisch.

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Korrekter Sitz und kurze Reit-Reprisen

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Racinet im Sattel: Er greift erst ein, wenn das Pferd Hilfe braucht.

Der Reiter soll sich aufs Hinterteil setzen, die Bauchmuskeln entspannen, die Hüfte vorschieben und nach vorne in den Sattel rutschen. Genau das sagte Egon von Neindorff auch schon. Und schaut man dann noch in die HDV 12 von 1926, findet man darin die Sitzerklärungen noch besser beschrieben als diejenigen, die Racinet anbot.

Wie Neindorff, wie alle guten Klassiker, arbeitet Racinet mit Reiter und Pferd in kurzen Reprisen. Uns hat Racinets Vorbereitung für die Galopptour sehr gut gefallen. Balance und Vorbereitung des Pferds war gut: Seitengang, Travers, geradestellen, angaloppieren und wieder durchparieren. Kurz Reprise. Das Zauberwort. Es blieb aber die Frage: Wie erhält man den Galopp länger? Durch die überlangen Bügel geriet die Reiterin in den Spaltsitz, und das Pferd fiel aus. Trotzdem war eine Veränderung des Galopps sichtbar.

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Fazit: Die Qualität der Ausbildung

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Egon von Neindorff sagte immer so schön: „An ihren Pferden, an ihren Reitern sollt ihr sie erkennen.“ Das geht natürlich auf einem Kurs nicht. Es bleibt auch die Frage, was Teilnehmern so ein Kurs auf lange Sicht bringt. Gehen sie nur hin, um vor Stallkollegen mit einem bekannten Namen anzugeben? Arbeiten sie systematisch weiter? Haben sie überhaupt verstanden, worauf es beim Reiten ankommt?

Viele haben das wohl nicht. Daher kommt möglicherweise der Irrtum mit der angeblichen Schule der Légèrté: Für jemanden, der aus der Sportreiterei kommt, wirkt Racinets Unterricht erstaunlich und fremd. Aber wenn man die Reitlehre durchdenkt, ist er sinnvoll. Es weicht lediglich von dem ab, was man in der Sportreiterei kennt. Wer daher stammt, hat Schwierigkeiten, Racinet zu verstehen – oder Phillipe Karl oder Egon von Neindorff. Dabei lehren alle drei dieselbe klassische Reitkunst.

Hervorragende Ausbilder sind alle, keine Frage. Doch nach allem, was wir bisher erlebt und gesehen haben, steht Neindorff für uns über Racinet und Karl. Der konnte einfach alles.

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Die Grundlagen der Reitlehre nach Racinet

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Jean-Claude Racinet, 79, ist ehemaliger Berufsoffizier der französischen Armee und lebt seit 29 Jahren in Lexington im US-Bundesstaat Virginia. In den USA hält er erfolgreich die Kunst des „Reitens in Leichtigkeit“ am Leben, wobei er sich intensiv mit den Grundlagen des französischen Reitmeisters François Baucher beschäftigt. Für ihn sind eine Regel und vier Prinzipien maßgeblich. Die Regel heißt „Balance kommt vor Bewegung“; die vier Prinzipien lauten:

1. Keine ständigen Hilfen geben. Tut das Pferd, was der Reiter will, wird es in Ruhe gelassen.

2. Trennung der Hilfen: Hand ohne Bein, Bein ohne Hand. Gleichzeitiges Treiben und Gegenhalten ist tabu.

3. Reduzierung der Hilfen. Zügelzug oder Schenkeldruck dürfen nie einen bestimmten Schwellenwert überschreiten,weil das Pferd sonst abstumpft.

4. Optimaler Zeitpunkt der Hilfen. Sie dürfen nie gegeben werden, wenn das Pferd sie missverstehen oder gerade nicht ausführen kann.

Von Racinet erschien „Feines Reiten in der französichen Tradition der Légèreté“, Olms-Verlag, 32,80 Euro.

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CAVALLO-Expertenteam

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Walburg Monn

Walburg Monn (44) ist gelernte Apothekerin und ritt rund 16 Jahre im Reitinstitut Egon von Neindorff in Karlsruhe, wo sie damals lebte. Sie nahm an den Gala-Veranstaltungen teil, und legte im Institut ihre Reitwartprüfung ab.

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Axel Schmidt

Reitlehrer Axel Schmidt (47) lehrt klassische Dressur bis zur Hohen Schule. Schmidt stammt aus Sachsen-Anhalt, lebt heute im baden-württembergischen Ditzingen und ritt 28 Jahre lang Vielseitigkeit, ehe er auf klassische Dressur umsattelte. 1990 machte er ein viermonatiges Praktikum im Reitinstitut Egon von Neindorff und nahm anschließend dort zwei Jahre regelmäßig Unterricht.

Nach seiner Reitlehrer-Prüfung an der Westfälischen Reit- und Fahrschule arbeitet Schmidt seit 1994 hauptberuflich als Reitlehrer und bildet Pferde und Reiter bis zur Hohen Schule aus. 2007 machte er sich selbstständig. Seit Anfang 2009 ist Axel Schmidt Leiter des Neindorff-Institutes in Karlsruhe.

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