Aufrecht sitzen Lisa Rädlein

Praxistest: HIlfsmittel beim Reiten

Was taugen Hilfsmittel fürs aufrechte Sitzen?

Der Gedanke einer Goldmedaille um den Hals bringt Reiter ins Lot. Das versprechen auch einige Helfer zum Anziehen. Gelingt das? Ein Praxistest.

Aufrecht und stolz, als ob wir eine Goldmedaille um den Hals tragen würden – so wollen wir Reiter auf dem Pferd sitzen. Nicht immer reichen solche inneren Bilder aber aus, damit wir wirklich gerade im Sattel sitzen. Wie wäre es, da ein wenig nachzuhelfen? Produkte für einen aufrechten Reitersitz gibt es genug auf dem Markt. Wir haben uns vier Modelle mit unterschiedlicher Wirkungsweise herausgepickt und in der Praxis getestet. Eine fachlich fundierte Einschätzung lieferte uns Sitzexpertin und Physiotherapeutin Marlies Fischer-Zillinger, der wir auch ein Paket mit den Produkten zum Test zuschickten.

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Praxistext Was taugen Aufrichthilfen für Reiter?
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"Was wir beim Reiten brauchen, ist eine stabile Aufrichtung aus dem Becken heraus, um den Kontakt zum Pferd zu behalten, in den Armen locker zu bleiben und nicht ins Hohlkreuz zu kommen", erklärt Fischer-Zillinger. "Wenn wir im Sattel aufgerichtet sind, haben wir automatisch eine gute Körperspannung. Die brauchen wir, um der Bewegung des Pferds weich folgen zu können." Zu einer guten Aufrichtung verhelfen könnten besonders Sportarten, die den ganzen Körper fordern und das Gleichgewicht schulen – wie etwa Yoga, Mountainbiken oder Nordic Walking.

Sind die Hilfsmittel auch so hilfreich? Nicht alle, wie unser Test zeigte. Lesen Sie die Ergebnisse.

Posture Reminder: Erinnerer mit Tücken

Das Produkt: Der "Posture Reminder" (42 Euro, über Back on Track, www.backontrack.com) soll Reitern im Sattel, aber auch im Alltag zu einer aufrechteren Haltung verhelfen.

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Eine stolze Haltung – das sollen alle Hilfsmittel bewirken.

Ähnlich wie in die Träger eines Rucksacks schlüpft man hinein

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Das Hineinschlüpfen ähnelt dem Aufsetzen eines Rucksacks.

und zieht dann mithilfe eines Klettbands soweit an wie gewünscht.

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Beim Schließen muss man blind tasten.

In der Produktbeschreibung heißt es: "Tragen Sie den Gurt nicht zu fest, sodass er sich erst strafft, wenn Sie krumm sitzen. Dann regt er Sie dazu an, sich wieder aufzurichten." Der Gurt soll den Träger also nicht in Aufrichtung halten, sondern ihn vielmehr daran erinnern, sich wieder aktiv aufzurichten. Den Reminder soll man immer wieder und dann ein bis drei Stunden am Stück tragen.

Handling und Tragegefühl: Beim Hineinschlüpfen und Schließen des Klettverschlusses muss man sich etwas verbiegen; am einfachsten geht es mit einem Helfer. Unsere Testerin aus der CAVALLO-Redaktion fühlte sich zunächst trotz lockerer Verschnallung etwas in Haltung gezwungen, nach kurzer Gewöhnung ließ dieses Gefühl aber nach. Im Schritt war der Gurt dann eine gute Erinnerung, aufrechter zu sitzen, im Trab und Galopp nahm die Trägerin ihn aber kaum mehr wahr. Ähnlich ging es auch Sitzexpertin und Physiotherapeutin Marlies Fischer-Zillinger beim Praxistest. Auch Reiten im Entlastungssitz und mit weniger Körperspannung war mit dem Gurt möglich, dann schwand aber der Effekt.

Wirkungsweise: "Gut vorstellen kann ich mir die Reminder-Wirkung auf einem Pferd, auf dem man gut zum Treiben kommt, das im Rücken schwingt und sich gut sitzen lässt", sagt unsere Testerin, die bei ihrer oft etwas hektischen Stute lieber vorsichtig einsitzt. Expertin Marlies Fischer-Zillinger sieht die Wirkungsweise eher kritisch: "Der Gurt sorgt dafür, dass man die Schultern zurücknimmt und sich dadurch aufrichtet. Dabei richtet man sich aber nicht vom Becken aus nach oben auf, was beim Reiten für die Verbindung zum Pferd über den Sitz wichtig ist." Dadurch bestünde auch die Gefahr, eher ins Hohlkreuz zu fallen.

Fazit: Mit etwas Vorsicht zu genießen. Ein Reitlehrer sollte schauen, ob die Aufrichtung korrekt ist.

ZEGRA-Haltungstrainer: Vibrierender Bürohelfer

Das Produkt: Physiotherapeut Peter Fischer entwickelte den Haltungstrainer, der dabei helfen soll, sich an eine aufrechtere und gesündere Haltung zu gewöhnen (189 Euro, www.haltungstrainer.de). Ein kleines batteriebetriebenes Kästchen wird mit einem Band auf dem Brustbein befestigt.

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Der Gurt wird direkt unter der Brust getragen.

Beim Einschalten nimmt man die Haltung ein, ab der man ein Haltungs-Feedback wünscht.

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Einfach: nur ein Schalter für die komplette Bedienung.

Das Gerät merkt sich diese Position und vibriert, sobald der Träger diesen Krümmungsgrad erreicht – je nach Modus sofort oder mit 16 Sekunden Verzögerung. Letzteres ist laut Fischer auf Dauer besser, da Bewegungen ohne Feedback möglich sind und so eine Haltung mit viel Bewegung der Wirbelsäule gefördert wird. Das Gerät ist eher für Büroarbeit gedacht, Fischer ermuntert uns aber, es beim Reiten zu testen.

Handling und Tragegefühl: Das Einstellen und Anlegen ist unkompliziert. Am Schreibtisch ist das Vibrieren gut wahrnehmbar, beim Reiten ging es teils unter oder das Gerät vibrierte ununterbrochen. "Im Schritt hat es nur aufgehört, wenn ich mich im Brustkorb-Bereich sehr fest gemacht habe", sagt unsere Redaktions-Testerin. Das wäre kontraproduktiv. Der Entwickler vermutete schon, dass die Bewegung beim Reiten das Feedback verfälschen könnte.

Wirkungsweise: Expertin Fischer-Zillinger sagt: "Das Gerät gibt den richtigen Impuls an einer geeigneten Stelle, man richtet sich durch Anheben des Brustbeins aus dem Becken heraus auf, die Schultern bleiben locker."

Fazit: Eine teure, aber tolle Lösung fürs Haltungstraining abseits des Sattels, das Reitern guttun kann.

Erectly Shirt: Sanfter Aufrichter

Das Produkt: Das "Erectly Shirt" von Howana Reitsport (www.howana-reitsportartikel. de, rund 85 Euro) besteht aus elastischem Material und ist enganliegend.

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Das „Erectly Shirt“ sitzt vor allem im oberen Bereich recht eng, um zu unterstützen.

In der oberen Rückenhälfte hat es elastische Einsätze, die durch leichten Zug in eine aufrechtere Haltung helfen sollen.

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Die Bänder im Rücken sind elastisch und üben leichten Zug aus.

Es soll eine Erinnerungshilfe sein, bringe den Reiter in den ersten Trage-Momenten aber auch aktiv in eine aufrechte Haltung. Dieses Gefühl, in eine Haltung "gezwungen" zu werden, sollte nachlassen, so die Entwicklerin, Reitlehrerin Nadine Hugendubel.

Handling und Tragegefühl: Vor dem Reinschlüpfen muss man das Shirt etwas sortieren, damit die Bänder richtig sitzen. Oben am Hals ist es recht eng, auch wenn man es herunterzieht. Unsere CAVALLO-Testerin fand den Effekt die ersten fünf Minuten genial, spürte das Shirt danach und im Sattel aber kaum mehr. "Dadurch dachte ich auch nicht mehr an eine aufrechtere Haltung."

Wirkungsweise: Physiotherapeutin Fischer-Zillinger ist angetan: "Das Shirt gibt einen Impuls wie zwei Hände hinten am Brustkorb, die mich sanft und richtig aufrichten. Die Grundspannung im Brustkorb erhöht sich, die Arme bleiben schön frei."

Fazit: Ein durchdachtes Produkt. Ob die sanfte Erinnerung ausreicht, ist Typsache.

MT-Band: Haltungsfeedback mit Druckmitteln

Das Produkt: Funktionieren soll das MT-Band (79 Euro, www.mt-band.de) so: "Das Band gibt Feedback zur aktuellen Körperhaltung. Wenn der Körper zusammensackt, man einen Buckel macht oder die Schultern nach vorne fallen lässt, steigt die Spannung im Band. Der Körper reagiert und richtet sich wieder auf."

Das Band läuft im Nacken entlang, unter den Armen vorbei und dann im Rücken zusammen.

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Kommen die Schultern mehr vor, steigt die Spannung im Band.

Im Nacken ist es gepolstert.

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Der Nacken bekommt Druck, das Polster mildert.

Handling und Tragegefühl: Das Anlegen

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Das Schließen ist unkompliziert.

ist einfach. "Meine Schultern fand ich besser, die blieben schön hinten", sagt unsere CAVALLO-Testerin. Allerdings fühlte sie sich in Wendungen beim Mitdrehen behindert. Expertin Fischer-Zillinger nahm das Band vor allem im Schritt wahr. Was beide unangenehm fanden: den Druck im Nacken, der schon beim kleinsten Zusammensinken entstand. "Intuitiv wollte ich diesem Druck dann eher weiter nachgeben, statt mich wieder aufzurichten", sagt Fischer-Zillinger.

Wirkungsweise: Auch dieses Band wirkt über "Schultern zurück", die Aufrichtung kommt nicht aus dem Becken. Das birgt Hohlkreuz-Gefahr. "Und es ist nichts für Leute mit Halswirbelsäulenproblemen", so die Expertin.

Fazit: Wegen des Nacken-Drucks müssen Träger sehr achtsam sein, sich sofort aufrichten. Auch hier sollte ein Reitlehrer auf die korrekte Aufrichtung achten.

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